Sport : Als Xavi gehen musste

Spaniens Trainer wechselte seinen Comandante aus – erst danach wurde das Spiel des Favoriten schneller. Am Ende gelang der Sieg über Portugal aber doch erst im Elfmeterschießen.

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Hops und hinein –
Hops und hinein –Foto: REUTERS

Der Comandante ging kurz vor Mitternacht, er hatte den Kopf eingezogen, ein freudloses Lächeln umspielte seine Lippen. Der Comandante hatte fast eineinhalb Stunden lang sein Bestes gegeben. Es war nicht gut genug in dieser Nacht von Donezk. Und wie er da das Feld verließ, kurz bevor es richtig ernst wurde im EM-Halbfinale zwischen Spanien und Portugal, wirkte das beinahe wie eine Kapitulation der Europa, ja die Welt beherrschenden Fußballmacht.

Es war so überraschend nicht, dass Spanien in der Nacht zu Donnerstag ins Endspiel um die Europameisterschaft einzog. Überraschend war, dass dieser Erfolg erst möglich wurde durch die Degradierung des Comandante Xavi.

Xavi Hernandez ist der wahrscheinlich klügste Fußballspieler der Welt. Nicht so spektakulär wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, aber gesegnet mit einem unerreichten Sinn zugleich für die Strategie und die Schönheit des Spiels. Xavi ist der Kopf des FC Barcelona wie der spanischen Nationalmannschaft, ohne ihn sind die Erfolge beider in den vergangenen Jahren kaum denkbar. Es kommt schon mal vor, dass Xavi kurz vor Schluss ausgewechselt wird. Meist liegt seine Mannschaft dann sicher und uneinholbar in Führung, und der Comandante darf sich vom Volk auf den Tribünen seinen Applaus abholen.

In der Nacht zum Donnerstag war alles anders. Unter Xavis Kommando hatte der Weltmeister gewankt, ohne ihn spielte er einen lange Zeit mindestens ebenbürtigen Gegner in Grund und Boden. Der 4:2-Sieg mag ein wenig glücklich erscheinen, denn zustande kam er nach 120 torlosen Minuten erst im Elfmeterschießen, das Portugals glückloser Geck Cristiano Ronaldo als Lotteriespiel verfluchte. Aber die Entscheidung zugunsten der Spanier, sie war eine logische und sie kam von der Bank in Gestalt von Xavis Klubkollegen Pedro Rodriguez und Cesc Fabregas. Pedro ermöglichte dem einschläfernden spanischen Spiel die entscheidende Tempoverschärfung, Fabregas verwandelte den ins Finale führenden letzten Elfmeter, um den er sich beim Trainer vorher mit aller Macht beworben hatte. „Ich hatte so eine Intuition“, erzählte der Schütze, und Andres Iniesta goss das späte Aufbäumen in den Satz: „Wir sind schon eine großartige Mannschaft.“

Das ist nicht bescheiden formuliert und steht doch berechtigt für die Miniatur-Neuauflage dieses Halbfinales. In der 30 Minuten währenden Verlängerung zeigten die Spanier endlich die Dominanz, für die sie seit ihrem Wiener EM-Triumph von 2008 auf der ganzen Welt gefürchtet werden. Da kamen die Portugiesen kaum noch über die Mittellinie, und wären Jesus Navas, Sergio Ramos und Iniesta ein wenig fürsorglicher mit ihren Chancen umgegangen – die Spanier hätten sich und dem Publikum den finalen Nervenkitzel erspart.

„In der Verlängerung waren wir besser“, sprach Trainer Vicente del Bosque. Indirekt heißt das auch: Ohne Xavi waren wir besser. Selten hat sich das Genie aus Barcelona so ideenarm und glücklos im Inszenieren des von ihm begründeten Tiki Taka versucht wie in dieser milden Juninacht von Donezk. Der tiefe Sinn im Tiki Taka liegt darin, den Gegner durch endlose Kurzpass-Stafetten müde zu spielen, ihm möglichst keinen Ballbesitz zu gönnen, all das im Wissen und Vertrauen darauf, das sich irgendwann eine Lücke findet, und diese eine Lücke reicht fast immer zum Sieg. Bei der WM 2010 in Südafrika gewannen die Spanier vom Achtelfinale bis zum Endspiel viermal in Folge 1:0.

In Donezk aber schien dieses Vertrauen in Tiki Taka, Gott und Xavi zu schwinden. Del Bosques Kompliment an die Portugiesen („Sie waren sehr gut organisiert“) ist die eine Wahrheit. Die andere ist, dass den Spaniern, dass Xavi nichts einfiel. Schon in der Vorrunde hatte der Welt- und Europameister nicht mehr so zwingend gewirkt, das souveräne 2:0 im Viertelfinale gegen Frankreich war der Zerrissenheit des Gegners geschuldet. Nach vier Jahren der Ratlosigkeit hat die Konkurrenz einen Weg zur Entschlüsselung des Tiki Taka gefunden. „Gegen die Spanier musst du viel laufen“, sagt Lucien Favre, der Schweizer Taktik-Professor von Borussia Mönchengladbach. „Und du darfst nicht zu tief stehen, du musst sie unter Druck setzen.“ Genau das taten die Portugiesen, in der ersten Halbzeit vorzüglich, in der zweiten immerhin noch gut genug, um nicht in Verlegenheit zu kommen.

Der Umschwung kam mit der Abberufung des Comandante Xavi und der Berufung seines Adjutanten Pedro. Diese Hinwendung zum gewöhnlichen Angriffsfußball war zu viel für die entkräfteten Portugiesen. Mit Pedro kam der Speed ins Spiel, dem sie nicht mehr gewachsen waren. „Pedro ist eine großartige Option“, sagt Lucien Favre. „Er hat schon gegen Frankreich nach seiner Einwechslung den Unterschied gemacht“ und jenen Elfmeter herausgeholt, den Xabi Alonso zum finalen 2:0 verwandelt hatte.

Ausgerechnet Xabi Alonso, der sicherste Elfmeterschütze, schob im Entscheidungsschießen den psychologisch so wichtigen ersten Versuch in die Arme von Rui Patricio. Es spricht für den Charakter dieser Mannschaft, wie souverän sie diesen Rückschlag wegsteckte. Die signalgebenden Momente waren vor Fabregas’ Siegtor zu bewundern. Iker Casillas, von Sergio Ramos als „bester Torhüter der Welt“ geadelt, parierte gegen Joao Moutinho, Ramos selbst chippte den Ball lässig in die Tormitte. Es war dies ein Plagiat des zuvor vom Italiener Andrea Pirlo vorgeführten Kunststücks, und gerade deshalb war es für den Plagiator so gefährlich, erwischt zu werden. „Na und?“, entgegnete Ramos, „der Trainer weiß ja, dass ich ein bisschen verrückt bin.“

In Donezk schien

das Vertrauen in Tiki Taka, Gott und Xavi zu schwinden

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