Sport : Alt, aber ambitioniert

Die deutschen Frauen wollen bei der Fußball-WM ins Finale

Andreas Morbach

Köln. Spätestens auf dem Trainingsgelände kehrten die Erinnerungen zurück. Und zwar jene Erinnerungen an den Spätsommer 2001, als Deutschlands Fußballerinnen in den USA an einem Vier-Nationen-Turnier teilnahmen, das wegen der Angriffe auf das World Trade Center am 11. September nie zu Ende gespielt wurde. Die DFB-Auswahl hatte damals dort Quartier bezogen, wo sie sich jetzt auch auf die am Samstag beginnende Frauenfußball-Weltmeisterschaft vorbereitet: in Columbus, der Hauptstadt des Bundesstaates Ohio, ungefähr 750 Kilometer Luftlinie von New York entfernt.

„Wir hätten an dem Tag damals unser zweites Spiel gehabt. Aber schon beim Frühstück war klar, dass wir nicht spielen würden“, erinnert sich Bundestrainerin Tina Theune-Meyer. Jetzt führt sie ihre Übungseinheiten auf demselben Platz durch wie damals, erinnert sich an die angeordnete Schweigeminute, an freiwillige Blutspenden, an junge, verunsicherte Fußballerinnen. „Das war alles nicht so einfach“, sagt sie, bricht dann aber abrupt ab. „Das ist Vergangenheit. Die Situation jetzt ist völlig anders. Es geht um die WM.“ Das heißt: „Es geht um sehr viel.“ Deshalb änderte sie ihren Verjüngungskurs nach dem EM-Sieg im Juli 2001 zuletzt auch ein Stück, rekrutierte mit Steffi Jones und Maren Meinert zwei erprobte Kräfte, die längst aus dem Nationalteam zurückgetreten waren. Kein Vertrauen in den Nachwuchs? „Ich arbeite gern mit jungen Spielerinnen“, sagt Theune-Meyer. Im WM-Kader freilich stehen nun bis auf Doris Fitschen alle Spielerinnen aus der siegreichen EM-Elf. „Jetzt geht es um die Qualifikation für Olympia“, sagt die Chefin dazu.

In Sydney holte die DFB-Auswahl Bronze, für die erneute Olympia-Teilnahme müsste sie in den USA zu den beiden besten europäischen Teams zählen – und dazu wiederum voraussichtlich das Halbfinale erreichen. Je nach WM-Verlauf drängt es die alte Garde womöglich sogar nach Athen. Steffi Jones etwa, in der gerade aufgelösten US-Profiliga mit Washington jüngst Meister geworden, ließ bereits verlauten, gerne auch bis Olympia 2004 weiterzumachen. Sieben Nationalspielerinnen spielten zuletzt in Amerika – und machten dort deutliche Fortschritte. Allen voran Maren Meinert, die zur besten Spielerin der Liga gewählt wurde. „Most valuable player“, wispert die Bundestrainerin ehrfürchtig. „Sie war unter den Besten die Beste.“ Jetzt hält es Meinert für möglich, dass ihr Nationalteam das beste unter den besten der Welt wird. Auf dem Weg dahin wartet am Samstag in Columbus mit Kanada (23.25 Uhr, live in der ARD) der stärkste Vorrundengegner. „Die haben alle die Größe von unserer Birgit Prinz und können 90 Minuten Tempo spielen“, sagt Theune-Meyer. In ihrer Gruppe, in der sie noch auf Japan und Argentinien treffen, wollen die Deutschen trotzdem Erster werden – um nicht, wie 1999 beim 2:3 gegen die USA, schon im Viertelfinale auf einen der Favoriten zu treffen.

Das US-Team wurde 2001 unter den Augen des damaligen Präsidenten Bill Clinton in Los Angeles Weltmeister. Beim Finale am 12. Oktober könnte diesmal George W. Bush zum Jubeln im kalifornischen Carson aufkreuzen. Über dem Trainingsgelände der deutschen Mannschaft hat ihn Tina Theune-Meyer schon geortet – als ein Flugzeuggeschwader mit Höllenlärm über ihren Kopf hinwegrauschte. Für einen kurzen Moment flackerte die Erinnerung an den September 2001 wieder auf, dann sagte die Bundestrainerin: „Das war sicher Präsident Bush auf dem Weg nach Washington.“

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