Sport : Alt fliegt weiter

Bei der Vierschanzentournee sind Routiniers die Favoriten: Ahonen, Janda, Küttel und Widhölzl

Benedikt Voigt[Oberstdorf]

Vielleicht tönt das Geheimnis des Andreas Küttel von drei silbernen CD-Scheiben. „Sie sind für mich ein täglicher Begleiter geworden“, erzählt der Schweizer Skispringer, der in dieser Saison so weit wie noch nie zuvor in seiner Karriere fliegt. Vor ein paar Jahren hat ihn ein Seminar über Musik und Bewegung auf die Idee gebracht, eine persönliche CD aufzunehmen und sie mit wichtigen Sätzen zu besprechen. Auch sein Trainer Berni Schödler sagt während der achtminütigen Musik ein paar Sätze. Wie diese lauten, will Küttel nicht verraten. „Diese CD haben bisher nur mein Trainer und zwei, drei Freunde gehört.“ Auf eines aber legt er Wert: „Es ist kein Hokuspokus.“

Diese CD ist jedoch nur ein Mosaikstein, der bewirkt hat, dass Andreas Küttel mit 27 Jahren endlich zum Erfolg gefunden hat. Womöglich musste der Weltcupdritte nur lange genug warten, denn das Alter scheint in dieser Saison ebenfalls zu den Geheimnissen für Erfolge zu gehören. Neben ihm zählen auch der gleichaltrige im Weltcup führende Jakub Janda aus Tschechien und der 28 Jahre alte Titelverteidiger Janne Ahonen aus Finnland zu den Favoriten der 54.Vierschanzentournee, die heute (16.30 Uhr, live auf RTL) in Oberstdorf beginnt. Die drei sind nicht die einzigen Routiniers, die sich berechtigte Hoffnungen auf den Gesamtsieg machen. Acht der zehn besten Springer dieser Saison sind mindestens 27 Jahre alt. Auch der deutsche Weltcupvierte Michael Uhrmann, der gestern in der Qualifikation Zweiter wurde, ist im Jahr 1978 geboren. Bester in der Qualifikation war der Österreicher Andreas Widhölzl (29). Sie alle bilden ein neues Phänomen im Skispringen: Alt fliegt weiter.

Für Walter Hofer ist diese Entwicklung keine Überraschung. „Das ist gewünscht“, sagt der für das Skispringen zuständige Fis-Renndirektor, „wir wollen keinen 16 Jahre alten Olympiasieger haben, der dann in den nächsten zehn Jahren im Weltcup nicht mehr in Erscheinung tritt.“ Der Erfolg des Teenagers Toni Nieminen in Albertville 1992 gilt als Negativbeispiel. Mit verschiedenen Regeländerungen hat die Fis diese Entwicklung begünstigt.

Vor dieser Saison hat der Internationale Skiverband die Quote für die Nationen von acht auf sechs Springer herabgesetzt. „Jetzt gibt es weniger Fluktuation“, sagt Hofer. Für junge Springer ist es nun schwerer, in den Weltcupkader aufzurücken. Auch der vor der vergangenen Saison eingeführte Body-Mass-Index begünstigt die älteren Springer. Dieser verlangt von den Athleten ein Mindestgewicht und verhindert, dass untergewichtige Teenager den anderen davonsegeln. „Es gibt keine Hänflinge mehr, die nur geflogen sind, weil sie leicht waren“, sagt der deutsche Bundestrainer Peter Rohwein. Die Athletik ist für die Skispringer im Verhältnis zur Aerodynamik wieder wichtiger geworden. „Auch ist das Material jetzt ausgeglichener geworden“, sagt Hofer, „damit ist Chancengleichheit gegeben.“

Vorbei sind die Zeiten, als die österreichischen Springer eine Lücke im Reglement entdeckt hatten und ihre Skianzüge so schneidern ließen, dass sie im Schritt ungewöhnlich tief hingen. Die größere Fläche verhalf ihnen zu größerem Auftrieb. Nun aber sind auch die Nähte der Skianzüge reglementiert. Die neue Chancengleichheit spiegelt sich auch im Gesamtklassement wider: Die besten zehn Springer kommen aus acht Nationen. „Die Skitouristen sind schon lange Vergangenheit“, sagt der Schweizer Trainer Berni Schödler, „ich sehe keinen Grund, warum sich eine Nation hinten anstellen soll.“ Nun sind auch die Wettbewerbe wieder spannender. „Es gibt keinen, der den anderen davonspringt“, sagt der Bundestrainer Peter Rohwein, „jetzt ist die Tagesform wieder wichtiger.“ Auch die Haltungsnoten der Punkterichter spielen nun, da die Ergebnisse knapper werden, eine bedeutsamere Rolle (siehe Interview rechts).

Einem deutschen Springer, der seit vier Jahren auf einen weiteren Weltcupsieg wartet, könnte die jüngste Entwicklung Hoffnung geben. „Martin Schmitt gehört noch lange nicht zum alten Eisen“, sagt Peter Rohwein. Mit 27 Jahren hat er das beste Springeralter erreicht. Vielleicht braucht er jetzt nur noch eine passende Musik-CD.

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