Sport : Alte Helden braucht das Land

Der 35-jährige Andrej Schewtschenko köpft Gastgeber Ukraine mit zwei Toren zum 2:1-Sieg über Schweden.

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Teilzeit-Torjäger. Andrej Schewtschenko spielt im Klub nur noch selten mit. Gegen Schweden durfte der erfahrene Stürmer ran, er traf gleich doppelt. Foto: dpa
Teilzeit-Torjäger. Andrej Schewtschenko spielt im Klub nur noch selten mit. Gegen Schweden durfte der erfahrene Stürmer ran, er...Foto: dpa

Der Schlusspfiff ging unter in orkanartigem Jubel und dürfte so manchen Kiewer um seine Nachtruhe gebracht haben, denn das Olympiastadion liegt mitten im Stadtzentrum. Die Beschwerden werden sich in Grenzen halten, denn es war ein großer Tag für die Nation: 2:1 (0:0) siegte die Ukraine vor 64 219 Zuschauern in ihrem ersten Europameisterschaftsspiel gegen Schweden. Beide Tore erzielte der Nationalheld Andrej Schewtschenko. Es war ein Triumph gegen alle Zweifler, die den 35-Jährigen für nicht mehr gut genug gehalten hatten. Schewtschenko, um dessen Aufstellung Trainer Oleg Blochin bis zum Anpfiff ein Geheimnis gemacht hatte, kann es doch noch, und selbstverständlich wurde er von der Uefa zum „Man of the Match“ gewählt. „Ich fühle mich heute mehr wie 20, 25 als wie 35“, sagte er sichtlich außer Atem nach dem Spiel.

Passend zum historischen Triumph strahlte das Olympiastadion in den ukrainischen Nationalfarben Blau und Gelb, es sind praktischerweise auch die Schwedens, was den optischen Effekt am Montagabend noch ein bisschen eindrucksvoller machte. Als Schewtschenko kurz vor Schluss den Platz verließ, bedachte ihn das Publikum mit nicht enden wollenden Ovationen. Der einstige Weltstar hat seine beim AC Mailand mit dem Champions-League-Sieg gekrönte Karriere wohl nur deshalb bei seinem Heimatklub Dynamo Kiew bis ins 35. Lebensjahr hinein verlängert, um bei dieser EM dabeizusein. Keiner sang die Nationalhymne so inbrünstig wie Schewtschenko. Auf dem Platz aber ließ er es erst einmal ruhiger angehen. Es dauerte stolze acht Minuten, bis Schewtschenko zum ersten Mal den Ball berührte, er verlor ihn gleich wieder an Olof Mellberg und foulte diesen anschließend auch noch.

Dann aber nahm die Partie Fahrt auf. Auch und vor allem dank Andrej Schewtschenko. Nach dem bis dahin schönsten und von ihm selbst eingeleiteten Angriff drang er von halbrechts in den Strafraum ein und lief allein auf das schwedische Tor zum Duell mit Andreas Isakson. Zu seiner besten Zeit wäre ihm die erfolgreiche Vollendung ein Leichtes gewesen. Im Spätherbst seiner Karriere aber reichte es nur zu einem abgerutschten Schüsschen ohne echte Gefahr für das schwedische Tor.

Jetzt waren Schewtschenko und die Ukrainer im Spiel. Auf der linken Seite blieb er zwar an Melberg hängen. Es reichte aber noch zu einer Kopfballablage auf Andrej Jarmolenko, der damit aber nichts anzufangen wusste. Andrej Woronin, mit kurz geschorenem Haar kaum wiederzuerkennen, versuchte es einmal mit Gewalt aus der Distanz und beim zweiten Mal listig mit der Hand.

Die Schweden taten erwartungsgemäß nicht allzu viel für den Spielaufbau. Ihr System basiert auf zuverlässiger Defensivarbeit und vorn auf den Launen von Zlatan Ibrahimovic, dem Gegenstück zu Andrej Schewtschenko auf schwedischer Seite. Kaum jemand versteht es so geschickt und robust, auch in ausweglos erscheinender Situation den Ball zu behaupten und damit auch noch etwas Vernünftiges anzustellen. Schon in der einseitigen ersten Halbzeit war er ganz dicht dran am Führungstor. Ein Flankenball von Sebastian Larsson fand den sträflich allein gelassenen Ibrahimovic am linken Eck des Torraums. Er platzierte den Kopfball gegen die Laufrichtung des Torhüters, der sich mit einem Stoßgebet beim rechten Torpfosten bedankte.

Die Ukrainer hätten gewarnt sein müssen, trotz der eindrucksvollen Quote von 62 Prozent Ballbesitz in der ersten Halbzeit. Und doch folgte gleich zu Beginn der zweiten Hälfte, was so oft bei schwedischen Spielen folgt. An der Außenlinie wälzte sich der verletzte Jewgeni Selin, aber die Schweden trugen ihren Angriff zu Ende vor. Der Ball zu Kim Källström, nach dessen Pass Ibrahimovic nur noch den Fuß hinhalten musste. Auf einmal war es ganz leise im Olympiastadion.

Es war dies der Augenblick, in dem sich zeigt, wer eine Mannschaft führen kann. Und Andrej Schewtschenko wurde seiner Verantwortung gerecht. Mit zwei Toren innerhalb von sechs Minuten, beide mit dem Kopf erzielt. Beim ersten, das Schockerlebnis des Rückstandes war gerade drei Minuten alt, stand Schewtschenko im Strafraum allein gegen drei Schweden, doch diesmal war er schneller als der kantige Mellberg und drückte den Ball nach Jarmolenkos Flanke ins Tor. Dem zweiten Tor ging eine Ecke von Sergej Nasarenko voraus, und es war ausgerechnet der nach hinten geeilte Ibrahimovic, der auf Schewtschenko hätte aufpassen müssen.

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