Sport : Alter Hase hüpft am höchsten

Jörg Wenig

Tim Lobinger hat wieder das richtige Fluggefühl. So gut war sein Flug über 5,75 m, dass sich der 29 Jahre alte Stabhochspringer damit in Wien bei der Hallen-Europameisterschaft der Leichtathleten überraschend den Titel sicherte. Für Tim Lobinger war es mehr als eine Medaille bei einer Europameisterschaft, es war ein Comeback bei einer internationalen Meisterschaft.

Denn die starke nationale Konkurrenz und eigene Probleme, sie hatten Tim Lobinger schon einmal zugesetzt. Vor fünf Jahren hatte er als erster deutscher Springer die 6-m-Marke übersprungen. Ein Jahr später wurde er zum ersten Mal Hallen-Europameister war. Und dann ging es auf einmal bergab. Im Jahr 2000 hatte sich Tim Lobinger das letzte Mal für eine große internationale Meisterschaft qualifiziert. Doch in Sydney erlebte er als 13. bei den Olympischen Spielen eine herbe Enttäuschung. Ein Jahr später war er bei den Deutschen Meisterschaften nur noch Fünfter.

"Nach dem letzten Jahr war ich ziemlich am Boden", sagte Tim Lobinger, der sich 2001 nicht einmal für die WM in Edmonton qualifiziert hatte. "Wenn ich gut springe, habe ich Spaß am Sport", sagt Lobinger. "Wenn das Training aber nicht läuft und die Wettkämpfe nicht laufen, dann habe ich auch kein Fluggefühl mehr. Und dann vergeht mir der Spaß."

Er habe in den letzten Monaten noch einmal von unten angefangen. Und nun sei er wieder da, der Spaß und mit ihm auch das Selbstbewusstsein. In Wien hat er das bewiesen, auch wörtlich: "Als ich 5,75 Meter im ersten Versuch übersprungen hatte, war mir klar, der Sack ist zu. 5,80 konnte hier keiner mehr springen - nur noch ich", sagte Tim Lobinger. "Ich bin ja jetzt ein alter Hase." Gewisse Erfahrung war sicherlich von Vorteil in einem langen Wettkampf, nachdem die besten acht Springer tags zuvor bereits durch eine vierstündige Qualifikation gegangen waren.

Erst eine Woche zuvor hatte Tim Lobinger noch eine nationale Qualifikation überstanden. Sein EM-Start stand nämlich nach den Deutschen Meisterschaften, die er krankheitsbedingt auslassen musste, vor zwei Wochen noch nicht fest. Erst nachdem er beim Meeting in Chemnitz höher als Danny Ecker gesprungen war, hatte Lobinger das letzte Ticket für Wien ergattert. "Es tut mir Leid für Danny - wenn ich ihm eine halbe Medaille geben könnte, würde ich es machen", sagte Lobinger, der Ende letzten Jahres auch noch ein Vereinsproblem zu lösen hatte. Nachdem sein alter Klub Quelle Fürth den Bereich Spitzensport so gut wie eingestellt hatte, fand der 6-m-Springer erst kurz vor Ende der Wechselfrist mit Eintracht Frankfurt einen neuen Klub.

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