Sport : Altmodisches System

Wie sich das Tief der Eisbären erklären lässt

Katrin Schulze,Claus Vetter

Berlin – 20 Gegentore in drei Spielen, noch kein Sieg im neuen Jahr: Spätestens seit der 3:8-Niederlage am Sonntag in Nürnberg befinden sich die Eisbären in einem Tief. Seit 16 Spieltagen führen die Berliner die Tabelle der Deutschen Eishockey-Liga an, doch nach zwei Dritteln der Hauptrunde ist ihr souveräner Vorsprung dahin: Ausgerechnet heute spielen sie gegen den Tabellenvierten Kölner Haie (19.30 Uhr, Sportforum Hohenschönhausen). Bei einer weiteren Niederlage droht der Verlust der Tabellenführung. Kollektiver Durchhänger oder ernsthafte Krise? Faktoren, mit denen sich die momentane Situation der Eisbären erklären lässt:

Die fehlenden Spieler: Monatelang blieben die Eisbären vom Verletzungspech oder von Sperren verschont – im Gegensatz zur Konkurrenz. Das hat sich geändert. In Nürnberg fielen sieben Berliner Stürmer aus. Trainer Don Jackson sagt: „Uns fehlen nicht irgendwelche Spieler, sondern Leistungsträger.“

Die offene Defensive: Oft haben die Eisbären viele Gegentore bekommen, allerdings meist mehr Tore geschossen – auch Verteidiger wie Deron Quint und Andy Roach trugen dazu bei. Durch die Treffer wurden die Schwächen in der Defensive verschleiert. Wenn Quint und Roach nicht so oft treffen, offenbaren sich die Mängel in der Abwehr. Manager Peter John Lee will aber keinen weiteren Abwehrspieler verpflichten. Er sagt: „Wir haben 35 Spieler im Kader, das muss reichen. Außerdem verhindert auch der beste Defensivverteidiger der Welt nicht acht Gegentore.“

Das Spielsystem Jackson: Der Trainer hat seit Saisonbeginn auf drei Sturmreihen gesetzt, seine besten Spieler bekommen deutlich mehr Einsätze als andere. Dieses System ist nicht nur altmodisch, sondern auch äußerst kräftezehrend – zweieinhalb Sturmreihen bringen eben auf Dauer weniger Tempo als vier. Die Eisbären wirkten zuletzt müde und unkonzentriert. Ihr Verteidiger Tobias Draxinger sagt: „Wenn man viel spielt, kann die Konzentration schon mal nachlassen.“

Das abflauende Stimmungshoch: Als Hauptfaktor für den Erfolg in der ersten Saisonhälfte führten die Spieler oft die gute Stimmung im Team an. Mit dem temperamentvollen Pierre Pagé hatte sich die Mannschaft in der Vorsaison zerstritten, mit dem besonnenen Nachfolger Jackson verstand sie sich besser. Doch am Freitag, beim 5:7 gegen Krefeld, schimpfte auch Spielerfreund Jackson in der Kabine laut. Hat sich der Spaßfaktor abgenutzt? Jacksons Vorgänger Pagé sagt: „Der Trainer muss nicht der Freund der Spieler sein, um Erfolg zu haben.“

Das übersteigerte Selbstbewusstsein: Zeitweise hatten die Eisbären als Tabellenführer neun Punkte Vorsprung. Vieles funktionierte anscheinend von selbst, die Mannschaft beherrschte fast jeden Gegner nach Belieben. Mit diesem Erfolg im Rücken wurde sie nachlässig. Don Jackson glaubt: „Das überzogene Selbstbewusstsein wirkt sich negativ auf die Arbeitseinstellung der Spieler aus. Wir sollten jeden Gegner respektieren.“

Der fehlende Stammtorwart: Rob Zepp und Youri Ziffzer wechselten sich zuletzt im Tor ab – keiner von beiden spielte herausragend. Die Konkurrenzsituation scheint beide nicht zu beflügeln. Jackson sagt: „Einer müsste mal zeigen, wie großartig er ist, das würde uns helfen.“

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