Sport : Am Computer zum Putt

British-Open-Sieger Ernie Els hat seine Schwäche am Loch mit einem „Visuellen Coach“ besiegt.

Petra Himmel[Lytham St. Annes]

Alles worauf er hoffen konnte, war nur noch ein Play-off. Ernie Els hatte seine Finalrunde bei der British Open in Royal Lytham & St. Annes am Sonntag mit 273 Schlägen beendet, sich mit vier Birdies auf den zweiten Neun bis auf den zweiten Rang vorgespielt. Als der Südafrikaner zum Putting-Grün hinter dem Clubhaus aus roten Backsteinen ging, lag Adam Scott noch zwei Schläge in Führung. Doch es kam nicht zum Play-off. Weil der vermeintliche Sieger seinen sicher geglaubten Titel mit vier Bogeys in Folge auf den vier letzten Löchern verspielte.

Es war eine denkwürdige Niederlage, die an Greg Normans Untergang 1996 in Augusta National erinnert und an Rory McIlroys Masters-Debakel 2011. Wie der Australier Adam Scott verloren sie am Finaltag die Nerven. Ernie Els konnte sich angesichts der Niederlage des 32-Jährigen über seinen vierten Majortitel kaum freuen. „Ich stand so oft am anderen Ende der Leine“, sagte Els nach der Siegerehrung. „Das ist überhaupt kein gutes Gefühl.“ Genau genommen war der 42-Jährige am Putting Grün für eine weitere Niederlage gerüstet. „Ich stand da schon so oft und so oft wurde ich enttäuscht“, sagte er. Er würde es wohl noch ein weiteres Mal verkraften. Deprimierender als die Niederlagen im Jahr 2000 konnte es kaum sein. Da befand sich Els eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. „The Big Easy“, der Mann mit dem flüssigen, perfekten Schwung, hatte sich als einer der großen Golfer etabliert. Er vereinte enorme Schlaglänge mit erstklassigem kurzen Spiel, hatte den Nerv für kritische Situationen und den Killerinstinkt dazu. Ein Spieler, der Majors in Serie gewonnen hätte – wäre ihm nicht Tiger Woods in die Quere gekommen. Dreimal landete Ernie Els im Jahr 2000 hinter Woods bei den Major-Turnieren auf dem zweiten Platz.

Inzwischen hat Els mit dem Thema Woods abgeschlossen. Golf ist unwichtiger geworden seit man im Jahr 2008 bei seinem Sohn Ben Autismus diagnostizierte. Els verlegte seinen Wohnort von London nach Florida, um dem Jungen eine bestmögliche Behandlung zu ermöglichen, organisiert Charity-Events zu Gunsten der „Els for Autism Foundation“.

In den vergangenen Monaten hat er mit einem „Visuellen Coach“ intensiv sein Puttspiel trainiert, mit Sherylle Calder, die auch das Rugby-Team ihres Landes betreut hat. Sie entwickelte für Els ein Computerprogramm, mit dem er die Puttlinien systematisch lernte. Als Calder ihm im Januar sagte, er werde im Verlauf der Saison ein Major gewinnen, hielt Els sie für verrückt. Als er am Sonntag die vier wichtigen Birdie-Putts gelocht hatte, saß er mit dem Pokal in der Hand da und erinnerte sich an Calders Worte. „Jeder hat mich ausgelacht, Witze über mich gemacht“, sagte er. „Jeder sagte, ich sei durch und solle aufhören zu spielen.“ Wenige Monate später sind die Kritiker still.

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