Sport : Am Ende einer kurzen Ära

Der FC Bayern verliert 1:3 in Hannover und wird verspottet. Die Champions League rückt für den Meister in weite Ferne, Trainer Louis van Gaal wird wohl heute in München entlassen

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Der Verfall kennt verschiedene Erscheinungsformen. Die schlimmste ist erreicht, wenn selbst Gegner, die früher allenfalls Opfer waren, nur noch Häme kennen. In den letzten vier Spielen gegen den FC Bayern München hatte Hannover 96 vier Niederlagen und 1:18 Tore kassiert, gestern aber waren in der Kurve der 96er Plakate zu sehen, die auf eine aktuelle Choreografie der Bayern-Fans anspielten. „Koan Meister, Pokal, 3. Platz“, stand darauf. Das mit dem Pokalsieg ist längst amtlich, das mit der Meisterschaft so gut wie – und auch der dritte Platz rückt für die Münchner nach der 1:3 (0:1)-Niederlage in Hannover in immer weitere Ferne. Fünf Punkte liegen sie nun schon hinter den 96ern zurück, hinter Leverkusen sogar sieben.

„Was wir heute erlebt haben, war der absolute Tiefpunkt“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nach der hoch verdienten Niederlage der Bayern in diesem Spiel um Platz drei, im kleinen Finale um die Qualifikation zur Champions League. Für Trainer Louis van Gaal könnte die Begegnung in Hannover sogar das große traurige Finale gewesen sein: das Ende einer heftigen, aber letztlich kurzen Ära als Trainer der Bayern.

Sportdirektor Christian Nerlinger verließ gemeinsam mit Verteidiger Breno, der gut 20 Minuten vor Schluss wegen einer Tätlichkeit die Rote Karte gesehen hatte, das Stadion. Es war erst 17.33 Uhr, als er wortlos aus der Arena flüchtete, eine knappe halbe Stunde später folgte Präsident Uli Hoeneß, der nur sagte, dass er nichts sage. Allein Rummenigge äußerte sich zur misslichen Lage des Klubs. „Wir haben acht katastrophale Tage hinter uns“, sagte er. Nach den Niederlagen gegen Borussia Dortmund, den Tabellenführer der Fußball-Bundesliga, gegen Schalke im Pokal und nun in Hannover sind die Bayern auf bestem Wege, selbst ihre Minimalziele zu verspielen. Auf die Frage nach dem Job des Trainers antwortete Rummenigge: „Wir sind lange genug dabei, um zu wissen, dass wir da eine Nacht drüber nachdenken müssen – auch wenn keiner wird schlafen können.“

Dabei sah es anfangs so aus, als könnte es für die Bayern an diesem Samstag mal wieder eine gesegnete Nachtruhe geben. Die Münchner begannen engagiert, ließen den Ball kreiseln, kamen dem eigentlichen Ziel des Spiels in der Anfangsphase jedoch nicht entscheidend näher. Ihre Dominanz entpuppte sich als Scheinüberlegenheit. „Zwei Angriffe von Hannover haben genügt, um den Druck auf meine Spieler noch zu erhöhen“, sagte van Gaal. „Das war zu viel für meine Mannschaft.“

Dabei hatten die Bayern beim ersten Mal noch Glück, weil Konstantin Rausch einen Flankenball von Jan Schlaudraff neben das Tor setzte. Vier Minuten später aber führte der zweite Konter der Hausherren zum 1:0. Nach einem Ballverlust von Danijel Pranjic im Mittelfeld ging es zu schnell für die Münchner, der überragende Rausch flankte von links, und in der Mitte vollendete Mohammed Abdellaoue mit der Fußsohle zu Hannovers Führung. „Wir kassieren zu einfache Gegentore“, sagte Arjen Robben. „Wir machen nicht das, was wir machen sollen.“

Die Angelegenheit wurde noch dadurch erschwert, dass van Gaal sein komplettes defensives Mittelfeld ersetzen musste. Bastian Schweinsteiger fehlte gelbgesperrt, Luiz Gustavo fiel kurzfristig mit einer Grippe aus. Ihre Vertreter Toni Kroos und Danijel Pranjic hatten großen Anteil daran, dass die Münchner den Hannoveranern erstaunlich weite Räume für ihre Konter gewährten. „Wir haben in der ersten Halbzeit sehr viel Glück gehabt“, sagte van Gaal.

Die Münchner fanden kein Mittel gegen die Defensive der 96er. Ihre einzige Möglichkeit vor der Pause hatte Thomas Müller, der nach einer halben Stunde von Mario Gomez per Kopfballverlängerung frei gespielt wurde. Sein Schuss aber ging deutlich über das Tor. „Es funktioniert einfach nicht“, klagte Robben. Gefährlicher blieben die Hausherren, obwohl sie erneut auf ihren besten Torschützen Didier Ya Konan verzichten mussten. Die Mannschaft von Trainer Mirko Slomka erspielte sich zwar nicht übermäßig viele Chancen, setzte aber immer wieder schmerzhafte Stiche.

Van Gaal reagierte zur zweiten Halbzeit, brachte Daniel van Buyten und Andreas Ottl, „um den Glauben zu ändern“. Der Plan aber wurde von den 96ern höchst effektiv gestört – durch ihr 2:0. Nach einer kurz ausgeführten Ecke zirkelte Rausch den Ball von der rechten Seite mit dem linken Fuß ins Tor. Arjen Robben hätte es nicht schöner machen können. Der Holländer wiederum traf nur vier Minuten später auf eine Art, die für ihn eher ungewöhnlich ist: per Kopf. Nach einer Hereingabe von Franck Ribéry stand der Holländer am langen Pfosten völlig frei und verkürzte auf 1:2.

„Der Glauben war wieder zurück“, sagte van Gaal über das Anschlusstor. Doch die Hoffnung auf die Wende währte gerade sieben Minuten. Dann ließ Torhüter Thomas Kraft einen Schuss von Sergio Pinto aus gut 25 Metern zum 1:3 durch seine Finger flutschen. „Das war tödlich“, sagte van Gaal. Tödlich für die Mannschaft, tödlich vielleicht auch das Arbeitsverhältnis des Holländers beim Rekordmeister. „Nach drei Niederlagen wird es natürlich schwierig“, sagte van Gaal.

Bisher konnte er immer auf die Unterstützung seiner Spieler zählen. Kapitän Philipp Lahm aber ließ die Gelegenheit offensiv verstreichen, ein Plädoyer für seinen Vorgesetzten abzugeben. „Der Trainer wird immer am Erfolg und an den Punkten gemessen“, sagte Lahm. Nach dieser Bemessungsgrundlage spricht derzeit nicht allzu viel für Louis van Gaal.

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