Sport : Am Freitag wird über den Protest entschieden, doch Ferrari ist längst blamiert

Karin Sturm

Michael Schumacher und sein völlig blamiertes Formel-1-Team von Ferrari müssen bis zum Freitag warten. Ebenso wie Mika Häkkinen, der Weltmeister im Wartestand. Dann wird sich das Berufungsgericht des Internationalen Automobilverbandes (Fia) in Paris mit dem skandalösen Fall befassen, der immer abstrusere Ausmaße annimmt. Schumachers Manager Willi Weber wollte sogar eine Manipulation nicht ausschließen: "Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Es geht in der Formel 1 nun mal um sehr viel Geld." In Maranello, dem Ferrari-Firmensitz, jagte eine Krisensitzung die andere, Teamchef Jean Todt musste zum Rapport. Nun werden wohl Köpfe rollen.

Aber unabhängig von jeglichen Verschwörungs-Theorien (Die Zeitung "auto, motor und sport" berichtet, der Tipp sei von McLaren-Mercedes gekommen) und selbst im unwahrscheinlichen Falle eines gerichtlichen Erfolges kann das von Häme, Entsetzen und Riesenwirbel begleitete Ferrari-Team das Desaster von Malaysia nicht mehr aus der Welt schaffen. Als sich Schumacher am Montag zusammen mit Ehefrau Corinna schon in den Urlaub im ostasiatischen Inselreich verabschiedet hatte, teilte die Fia das weitere Vorgehen mit. 24 Stunden, nachdem Sieger Eddie Irvine und der überragende Rückkehrer Schumacher beim vorletzten Rennen in Sepang wegen eines zehn Millimeter zu langen Windabweisers an den Autos disqualifiziert worden waren. Das aus 15 unabhängigen Richtern bestehende Gremium wird am Freitag um 9.30 Uhr in Paris zusammenkommen und über den Einspruch von Ferrari entscheiden.

Fest steht schon jetzt: Ferrari hat sich zur Lachnummer gemacht. "Blamage", "Wahnsinn", "Schwachsinn" lautete das vernichtende Urteil der italienischen Medien. Die Reaktionen weltweit waren nicht milder: Die englische "Sun" schrieb vom "größten K.o.-Schlag in der Geschichte der Formel 1". Bei McLaren-Mercedes bleibt man gelassen: "Wir fühlen uns als Weltmeister", sagte Mercedes-Sportchef Norbert Haug.

Interviews über Interviews, Meinungen von wirklichen und auch selbsternannten Experten zuhauf, Mutmaßungen und Verdächtigungen. Was hat Ferrari sich in Malaysia nur geleistet? Dass Ferrari deshalb betrog, um sich einen Vorteil zu verschaffen, dass gar der Leistungssprung für Malaysia mit dem nicht ordnungsgemäßen Teil zusammenhing, ist eher unwahrscheinlich. Niki Lauda bestätigte zwar in RTL, dass man durch die Veränderung der Aerodynamik einen kleinen Vorteil, etwa zwei Zehntel pro Runde erzielt habe. Aber dafür so ein Risiko mit einer Modifikation einzugehen, die bei jeder simplen Routinekontrolle entdeckt werden kann? Da gibt es vor allem im Elektronik-Bereich ganz andere Möglichkeiten, die fast nicht nachzuweisen sind.

Eher möglich scheint schlichte Schlamperei: Die Zeichnung sei in Ordnung, man habe auch den Prototyp nachgemessen, sagte Ferrari-Technikchef Ross Brawn, aber wohl nicht mehr jedes einzelne Teil nach der Produktion. Möglicherweise habe es bei der Herstellung einen Fehler gegeben, den keiner mehr bemerkt habe, man müsse das überprüfen.

Freilich gingen die Spekulationen im Fahrerlager in Sepang schon weiter. Das italienische Fachmagazin "Autosprint", Ferrari-Insider, stellt sogar die provokante Frage: War das etwa Absicht der Ferrari-Führungsriege um Jean Todt und Ross Brawn, die einen Weltmeister Irvine ja sowieso nie gewollt hätten? Jetzt fragt auch in dem allgemeinen Wirbel kaum einer mehr wirklich nach, warum eigentlich Ferrari im dritten Jahr hintereinander vor den letzten beiden Saisonrennen schlagartig ein viel schnelleres Auto hat. Über die taktischen Spielchen gegen Häkkinen, die vor dem Bekanntwerden der Disqualifikation noch im Spektrum zwischen "grandios" und "reichlich unsportlich" diskutiert wurden, redet auch niemand mehr.

Ferrari-Boss Luca di Montezemolo kann über all das nicht glücklich sein, weder Schlamperei noch Betrug in irgendeiner Form können im Interesse von Ferrari sein. "Eigentlich hätte Montezemolo jetzt das Recht und die Möglichkeit, wenn nicht sogar die Pflicht, Teamchef Todt und Technikchef Brawn zu feuern", folgert jedenfalls "Autosprint": "Wenn unsere Theorie stimmt, wegen Sabotage, wenn es Betrug oder Schlamperei war, wegen Unfähigkeit!"

Der größte Verlierer des Ferrari-Desasters von Malaysia ist auf jeden Fall die Formel 1. Denn sollte Ferrari in der Berufung vor dem Fia World Council am Freitag die Punkte zurückbekommen, dann würde doch vieles auf Mauschelei deuten. Die Masche, man habe ja schließlich keinen Vorteil gehabt, klappte zwar 1995 beim Benzin-Skandal von Sao Paulo schon einmal für Benetton und Williams, als nur den Teams die Punkte abgezogen wurden, die Fahrer sie aber behalten durften. Aber dieses Urteil war für die meisten mehr als unbefriedigend. Auch für Fia-Präsident Max Mosley, der damals klarstellte: "So eine Entscheidung möchte ich nicht mehr sehen." Ein Reglement sei dazu da, um eingehalten zu werden, und zwar bis zum letzten Buchstaben - ansonsten öffne man den Manipulationen Tür und Tor.

Bleibt die Disqualifikation bestehen, ist zwar der Korrektheit Genüge getan, das ganze WM-Finale aber trotzdem mehr als unbefriedigend, zumindest für die Fans. Wahrscheinlich aber auch für die Sieger. Mika Häkkinen hat dann den Titel abseits des Rennkurses gewonnen, ohne sich nach einem Grand Prix wirklich darüber freuen zu können. Keine schöne Lösung, aber sportlich wahrscheinlich immer noch am saubersten. Die schlimmste Lösung wäre freilich, die Entscheidung des Berufungsgerichts bis nach dem letzten Grand Prix in Suzuka zu vertagen, um die Spannung weiter hoch zu halten.

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