Sport : Am Goldbarren

Marcel Nguyen gewinnt sensationell Gold bei der Turn-EM in Berlin – obwohl er lange verletzt war

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Oben bleiben. Marcel Nguyen machte am Barren auch kopfüber eine gute Figur und konnte von der Konkurrenz nicht mehr eingeholt werden.Foto: dapd Foto: dapd
Oben bleiben. Marcel Nguyen machte am Barren auch kopfüber eine gute Figur und konnte von der Konkurrenz nicht mehr eingeholt...Foto: dapd

Berlin - Jetzt kam alles auf diesen 24-Jährigen mit den roten Haaren an. Jetzt hing alles davon ab, wie Epke Zonderland aus Heerenveen am Reck turnen würde. Von dem Holländer hing es jetzt ab, ob Philipp Boy aus Cottbus Europameister am Reck werden würde und Marcel Nguyen vom TSV Unterhaching Vize-Europameister. Zonderland, der Vize-Weltmeister an diesem Gerät, hätte mit einer starken Übung Gold bei der Turn-Europameisterschaft holen können. Und Silber und Bronze würden an Boy und Nguyen gehen.

In der Schmeling-Halle starrten 7 000 Zuschauer gespannt auf Zonderland. Kaum ein Geräusch auf den Rängen, nur aus den Hallen-Boxen kam klassische Musik. Zonderland war der letzte Turner an diesem Gerät, er war der letzte Turner überhaupt bei dieser EM. Und dann rotierte er an der Stange, brachte den Abgang in den Stand und triumphierte: Gold für Zonderland.

Aber Silber und Bronze für Boy und Nguyen. Die Zuschauer applaudierten begeistert, es war der krönende Abschluss eines sehr guten Finaltags. Zwei Stunden zuvor hatten sie noch lauter geschrien und mit den Füßen getrampelt. Das war, als Marcel Nguyen Europameister am Barren geworden war.

Sieben Medaillen haben die Deutschen bei dieser EM damit gewonnen, eine Bilanz, die kaum jemand für möglich gehalten hätte. „Das war eine tolle EM mit einem wunderbaren Publikum“, sagte Chef-Bundestrainer Andreas Hirsch. Und Nguyen erklärte selig: „Gold am Barren ist wie ein Traum für mich.“ Boy war zwar für ein paar Momente sauer auf sich, weil er bei seiner Reckübung einen Fehler gemacht hatte, den er sich schon öfter geleistet hatte, aber wenn er an die ganze EM denkt, dann findet er „die Bilanz ausgezeichnet. Das war tolle Werbung für den Sport.“

Am Sonntag begann diese Werbung mit dem Barren-Finale. Es war eher ruhig in der Halle, das übliche Stimmengewirr, das schon, aber aus den Boxen dröhnten mal keine ohrenbetäubenden Disco-Titel oder sanfte Klaviermusik. Da durchbrach der Hallensprecher die gefühlte Ruhe. „Wo sind die deutschen Fans?“, brüllte er, während unten ein schmaler, aber muskulöser Mann zum Barren ging und sich an den Holmen kurz konzentrierte. Die deutschen Fans saßen auf der Tribüne, und sie begannen zu schreien und zu klatschen. Marcel Nguyen stand unüberhörbar vor seiner Barren-Übung.

40 Minuten später stand er ganz oben auf dem Siegerpodest und blickte, als könnte er alles noch gar nicht richtig glauben. Er ist der erste deutsche Europameister an diesem Gerät seit 56 Jahren, seit Helmut Bantz. Nguyen war der erste Turner des Finals an diesem Gerät. Der Barren ist seine Spezialität, er zeigt dort den Tsukahara als Abgang. Kein anderer Turner auf der Welt traut sich das zurzeit. Die große Frage lautete: Wird es zu einer Medaille reichen?

Nguyen kam gut durch, musste allerdings bei einem Handstand nachdrücken. 15,525 Punkte. Nach sechs Turnern lag der 23-Jährige immer noch auf Rang eins. Die Spannung stieg enorm. Der Grieche Vasileios Tsolakidis war der letzte Turner, und als seine Wertung aufleuchtete, 15,075 Punkte, war klar: Nguyen ist Europameister.

Gold für Marcel Nguyen, das ist die Geschichte eines ganz besonderen Erfolgs. „Wenn mir jemand vor zwei, drei Monaten gesagt hätte, dass ich bei der EM so gut turnen würde, dann hätte ich das nicht geglaubt“, sagte er. Vor zwei, drei Monaten war der Deutsche Mehrkampfmeister von 2010 noch ein ehemaliger Patient, der darum kämpfte, wieder auf sein altes Niveau zu kommen. Im September 2010 hatte er bei einem Länderkampf einen Wadenbeinbruch erlitten und fiel bis Jahresende aus. Und jetzt Gold und Bronze. Er denkt auch schon an die Mannschaft, bei der WM und bei den Olympischen Spielen. „Wenn Fabian und Matze zurückkommen, darf man ja mal von einer Olympiamedaille träumen.“ Fabian Hambüchen und Matthias Fahrig sind verletzt oder noch nicht fit, sie werden die deutsche Riege verstärken.

Auch Philipp Boy dachte ans große Ganze. „Wir sind ein Super-Team“, sagte der Mehrkampf-Europameister. „Und es ist super, wenn Fabian wieder zurückkommt.“ Aber der verletzte Star kann sich gleich mal warm anziehen. „Wir sind jetzt drei starke Mehrkämpfer, Fabian, Marcel und ich“, sagte Boy auch. „Und Marcel und ich lassen uns nicht kampflos verdrängen.“ Er genoss diese EM, er genoss diese Atmosphäre. Als Boy vor dem Reck stand, seinen Namen hörte und dann den Applaus der 7000 Zuschauer, „da lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich hatte Gänsehaut-Feeling.“

Nicht nur er. Nach der letzten Siegerehrung postierte sich das deutsche Team hinter einem langen Spruchband. Der Aufdruck lautete: „Danke Berlin.“

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