Sport : Am Grab von Ernst Happel

Erst kurz vor seinem Tod erkannte Österreich, was für ein großer Trainer Ernst Happel war. Heute sind viele überzeugt: Hätte er länger gelebt, wäre einiges anders gelaufen im österreichischen Fußball

Wer die Zeichen sucht, der findet sie auch. Kann es ein Zufall sein, dass einen Steinwurf von der Grabstelle 238/Gr.1 auf dem Friedhof Hernals eine Familie namens „Stürmer“ beerdigt ist? Wer an einem heißen Tag den langen Weg vom Zentrum hierher in den Westen Wiens macht, gerät ordentlich ins Schwitzen, wenn er das Grab von Ernst Happel im Eck des hügeligen Geländes sucht. Als wolle der Schleifer die Nachwelt auch posthum noch auf Trab halten. Denn unter dem Trainer Happel wurde pariert, nicht gequatscht. Ab und zu hinterlassen Fans von Feyenoord Rotterdam oder Rapid Wien hier einen Wimpel, eine Zeichnung oder ein paar Grußworte. Vor dem Champions-League-Spiel in Wien bei Rapid 2005 huschte auch der damalige Bayern-Trainer Felix Magath vorbei, ein Schüler Happels aus Zeiten beim HSV.

Ein paar Straßen weiter, im „Café Ritter“, geben sich die Journalisten die Klinke in die Hand. Das Kaffeehaus im Arbeiterbezirk Ottakring war zu Lebzeiten ein letztes Refugium in der Heimat des rastlosen Happel. Immer wenn er nach Wien zurückkehrte, spielte er dort mit den Rentnern das Kartenspiel „Schwarze Katze“. Auch Alfred Haider, der täglich an einem Ecktisch des „Ritter“ seine Zeitung liest, zockte öfter mit dem Coach. Er weiß es noch wie heute: „Selbst am Tag, als er in die Krebsklinik nach Innsbruck abreiste, haben wir noch eine Partie gespielt. Viel von sich erzählt hat er nie. Er war halt ein Grantler.“

Sein Trainerleben verbrachte Happel fast ausschließlich im europäischen Ausland. Erst als 1987 Lungenkrebs bei ihm diagnostiziert wurde, kehrte er nach Österreich zurück, trainierte zunächst den FC Tirol und übernahm 1992, schon mit dem Tod ringend, die österreichische Nationalelf. Doch erst nach seinem Ableben wurde Happel in seiner Heimat die Anerkennung zuteil, die er im Ausland längst genoss. Dass man dieser Tage in Wien seinen Namen sehr oft hört, mag auch daran liegen, dass auf der Bank des Gastgeberlandes mit Josef Hickersberger ein sympathischer Zauderer sitzt. Viele glauben, Österreich hätte bessere Chancen, wenn es von einem Hasardeur wie Happel trainiert würde. Dessen Mannschaften mit Pressing dem Gegner einen eigenen Stil aufdrückten, einem Mann, der totale Offensive predigte und keinen Sicherheitsfußball der Marke „Hicke“. Peter Breimeier, der Wirt des „Café Ritter“, spricht aus, was viele denken: „Wenn der Happel net g'storben wör, tät hier einiges anders laufen im Fussball.“

In Happel verband sich der Lebemann mit dem Disziplinfanatiker. Die Medien von heute würden sich die Finger nach ihm lecken. Seiner Frau Elfriede war er schon früh untreu. An fast allen Trainerstationen hatte der wortkarge Kauz mit der scheinbar angewachsenen Zigarette im Mundwinkel Freundinnen. Die wenige Zeit, die ihm abseits des Fußballs blieb, verbrachte er lieber im Kasino als beim Lesen. Als er sich in Innsbruck eine neue Wohnung einrichtete, ist aus einer Buchhandlung der Satz von ihm überliefert: „Ich brauch was für die Regale. Geben’s mir nen Meter von den roten und einen von den gelben Büchern.“

Auf dem Platz hingegen verordnete er sich und seinen Schülern strengste Disziplin. Nachts kritzelte er mit dem Kugelschreiber Taktik-Systeme auf meterweise Papier. Als er Anfang der Sechziger als Trainer zu ADO Den Haag kam, forderten einige Spieler nach einer harten Einheit, das Training beenden zu dürfen. Happel ließ eine Cola-Dose auf die Torlatte stellen, schoss sie im ersten Versuch mit dem Ball herunter und ordnete an: „Nachmachen. Dann könnt's ihr duschen gehen.“ Es wurde ein sehr langes Training.

Erst im Angesicht seines Todes im November 1992 machte Österreich seinen Frieden mit dem Coach: Wegen seiner 18 Titel, die er mit sechs Klubs in den Niederlanden, Deutschland, Österreich und Belgien gewann, nennen sie ihn bis heute in Ermangelung eines echten Fußball-Weltmeisters hier den „Wödmaster“. Nach seinem Ableben benannte die Stadt Wien das Praterstadion in „Ernst-Happel-Stadion“ um. Eine Gedenktafel und eine Säule in der größten Spielstätte dieser EM erinnern an den Spieler und Trainerfuchs. Fast überflüssig zu erwähnen, dass er zur 100-Jahr-Feier des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) zum „Trainer des Jahrhunderts“ gewählt wurde. Die Trophäe überreichte der ehemalige Uefa-Präsident Lennart Johansson an Happels Enkel Christina und Philipp. Im Auftrage der EM-Initiative „Österreich am Ball“ sind die beiden zwei von insgesamt 2008 österreichischen „Botschaftern der Leidenschaft“, die für das Turnier im eigenen Land werben. Es ist wie ein später Dank des Landes an die Nachkommen eines Mannes, der von der Krankheit schon schwer gezeichnet, sich immer noch für die Nationalelf aufrieb. Ein Fußballer – bis zum letzten Atemzug.

Enkelin Christina Happel arbeitet für den Pay-TV-Kanal Premiere. Sie sagt: „Weil mir die Sportbegeisterung in die Wiege gelegt wurde.“ Zum Interview kommt die hübsche junge Frau 15 Minuten zu früh: „Ich hasse es, zu spät zu kommen. Das habe ich von meinem Großvater. Er legte großen Wert auf Pünktlichkeit.“ Auch die großen, runden Augen hat sie vom „Wödmaster“. Ein Reporterkollege sprach sie mal bei einer Pressekonferenz an, in der Annahme, sie irgendwoher zu kennen. Als die Journalistin ihren Namen nannte, wusste der sofort Bescheid: „Natürlich, jetzt erkenne ich es: Das sind Happel-Augen.“ Die 25-Jährige kümmert sich nebenbei um den Nachlass des Großvaters. Oma Elfriede – längst allein gelassen vom Hallodri Ernst – hatte nicht aufhören können, dessen Memorabilia im Keller in Waschkörben zu horten: Vom Gehaltszettel des Spielers über seine taktischen Kritzeleien bis zu Wimpeln, Trikots und Trophäen ist alles noch vorhanden.

Die Enkelin würde gerne eine Wanderausstellung zum Andenken an den Großvater initiieren. Doch das bedeutet viel Arbeit. Doch es wäre eine Möglichkeit, die Glut der neu geschürten Fußball-Liebe in Österreich auch nach der EM am glimmen zu erhalten. Wenn das gelänge, würde vielleicht der Wunsch, den Nationaltrainer Happel seinen Landsleuten kurz vor seinem Tod hinterließ, doch noch Wirklichkeit werden. Happel sprach: „Der Österreicher soll stolz sein auf die Nationalmannschaft, eine innere Beziehung zu ihr haben!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben