Sport : Am Hang zu Höherem

Hertha zieht selbst eine gute Halbzeitbilanz der Bundesligasaison – die Richtung stimmt

Michael Rosentritt

Berlin - Am letzten Bundesligawochenende des Jahres ist Hertha BSC doch noch offiziell in den Titelkampf eingestiegen. Es ging um den Titel des HerbstHeim-Meisters. Das ist nicht wirklich was, sondern lediglich eine schlichte Erfindung des Berliner Boulevards. So darf sich nennen, wer die Bundesliga-Hinrunde als erfolgreichste Heimmannschaft abschließt. Nach seinem knappen 1:0-Sieg über Eintracht Frankfurt am Samstag muss der Berliner Bundesligist diesen Titel dem um zwei Tore besseren FC Schalke überlassen. Hertha darf sich Herbst-Vize-Heim-Meister nennen, tut das aber nicht, weil es dann doch zu albern ist. „Wir stehen zur Halbzeit auf Platz fünf“, sagt Trainer Falko Götz, „damit ist unsere Zielsetzung zu diesem Zeitpunkt in Erfüllung gegangen.“

Man kann die Aussage eines Trainers, dessen Mannschaft auf einem Uefa-Cup-Platz überwintert, so stehenlassen. Tatsächlich hat Hertha keins der acht Heimspiele verloren, die Ausbeute von 20 Punkten ist stark. Hertha hat in Kevin-Prince Boateng, Ashkan Dejagah, Chinedu Ede und Patrick Ebert junge, talentierte Nachwuchsspieler an die Bundesliga herangeführt und in Marko Pantelic einen der treffsichersten Stürmer in den eigenen Reihen. Aber es gibt auch die andere Hälfte der Wahrheit. Auswärts ist Hertha die viertschlechteste Mannschaft. In neun Spielen auf fremden Plätzen holten die Berliner bei einem einzigen Sieg (Dortmund) ganze sieben Punkte. Für eine Spitzenmannschaft ist das zu wenig. Hertha führt bei Saisonhalbzeit das Mittelfeld der Liga an, Mannschaften wie Schalke, Bremen und München sind den Berlinern enteilt. Wenn man so will, ist Hertha neben Stuttgart die beste Nichtspitzenmannschaft.

Platz fünf hört sich zugegebenermaßen gut an, tatsächlich ist aber Hertha dem oberen Ende der Tabelle (neun Punkte Abstand) nicht wesentlich näher als den Abstiegsplätzen (zwölf Punkte). Naturgemäß teilt Herthas Manager diese Sichtweise nicht. Bei einem Sieg am Dienstag im DFB-Pokal in Osnabrück würde Dieter Hoeneß von einer „rundum gelungenen Vorrunde“ sprechen. Er sieht die Mannschaft in „einer guten Ausgangsposition für die Rückrunde“. Da mag so stimmen, aber es ist eine etwas gequälte Interpretation. Hertha sollte die Heimstärke der Hinrunde nicht überbewerten, denn bis auf Schalke und Stuttgart waren Mannschaften im Olympiastadion zu Gast, die nicht zur gehobenen Gesellschaft der Liga zählen.

Die Heimspiele in der Rückrunde gegen die Bayern, Bremen und Leverkusen werden nicht unbedingt leichter. Gerade die Spiele gegen diese Mannschaften haben gezeigt, was Hertha noch fehlt. „Wir müssen uns auf dem Platz noch besser organisieren und es lernen, mit Führungen cleverer umzugehen“, sagt Hoeneß. Er hatte zu Saisonbeginn mutigen Offensivfußball versprochen. Die Vereinsführung gab kein konkretes Saisonziel aus, vielmehr wolle man eine Entwicklung der Mannschaft sehen. Mit zunehmender Zeit verabschiedete sich Hertha vom Offensivfußball, und auch die Entwicklung einzelner Spieler war von wechselndem Erfolg. Der einzige Spieler, der sich konstant auf hohem Niveau weiterentwickelt hat, ist Marko Pantelic. Stabilisiert haben sich auch Arne Friedrich und Gilberto. Mehr können das von sich nicht behaupten. So mischten sich in das Spiel gestandener Profis wie etwa Josip Simunic, Malik Fathi oder Torwart Christian Fiedler ungewöhnlich viele Fehler. Auch deshalb sieht Herthas Manager für die Rückrunde auch individuelle Verbesserungsmöglichkeiten. „Es müssen sich einige im Kader steigern“, sagte Hoeneß. Er wolle das nicht als Kritik verstehen, sondern als Hoffnung.

Aufgrund vieler Verletzungen und eines kleinen Kaders war Falko Götz gezwungen, „im stärkeren Maße junge Spieler einzusetzen als gewollt“. Spieler wie Boateng, Ebert oder Dejagah haben gute Ansätze gezeigt. Sie bräuchten Zeit und weitere Praxis. „Das wollen wir ihnen zugestehen, aber ich erwarte auch klare Zeichen, dass sie mehr wollen“, sagte Götz. Nur so könne die Mannschaft sich so entwickeln, „um uns mittelfristig da, wo wir jetzt stehen, und vielleicht noch ein Stückchen höher festzusetzen“.

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