Sport : Am liebsten noch schneller

Der Tempo-Handball des THW Kiel findet bereits Kritiker, ist aber Trainer Serdarusic noch zu langsam

Erik Eggers[Köln]

Der Gegner führte erst 30 Sekunden den Ball, da hob Zvonimir Serdarusic schon ungeduldig die Hand: Das Zeichen im Handball für Zeitspiel. Der Trainer des THW Kiel konnte es gar nicht erwarten, bis sein Team wieder diesen gnadenlosen Tempo-Handball demonstrierte, mit dem der Deutsche Meister eine Woche zuvor den SC Magdeburg beim 54:34-Rekordsieg deklassiert hatte.

Der VfL Gummersbach versuchte es am Dienstagabend in der mit 19 250 Zuschauern ausverkauften Kölnarena mit einer Einschläferungstaktik – mit langen Angriffen im so genannten Positionsspiel. Aber auch diesmal erhöhte der THW das Tempo immer dann, wenn die Oberbergischen wieder näher rückten. Das genügte, um am Ende mit 34:32 (16:14) beim Verfolger den Auswärtssieg zu landen.

Der THW gibt dem Handballspiel eine neue Qualität. Jeder Ballgewinn führt zu einem Konter, der mit atemberaubender Geschwindigkeit durchgesetzt wird. Kassiert das Team ein Gegentor, dann praktiziert es sofort die „Schnelle Mitte“, den sofortigen Wiederanwurf, und setzt dabei den Gegner derart unter Druck, dass die üblichen Spielerwechsel von Angriff auf Abwehr unmöglich sind.

Es ist jedoch nicht die „Schnelle Mitte“ allein, die das Spiel prägt, die wurde schon vom TBV Lemgo in der Saison 2002/03 demonstriert. Es ist der Verzicht auf das, was bisher mit dem „Positionsspiel“ im Angriff verbunden wurde: Lange Ballstafetten im Rückraum, bis sich eine Lücke in der Abwehr bietet. Die jungen Spieler wie Nikola Karabatic (21), Vid Kavticnik (21) und Kim Andersson (23) feuern die Bälle schon nach Sekunden aufs Tor. „Sie sind zum Angriff geboren und können nicht anders als sofort zu werfen“, sagt Manager Uwe Schwenker.

Mittlerweile sind Debatten darüber entbrannt, ob dieser wahnwitzig schnelle Takt nicht den Handball zerstört. „Zum Handball gehört auch das Abwehrspiel“, mahnte letzte Woche Heiner Brand, so sei „die Attraktivität nicht mehr gegeben“, wollte dabei aber den Kielern „keinen Vorwurf machen“. Auch Bob Hanning, einer der einflussreichsten Experten dieses Landes, stimmte dem Bundestrainer grundsätzlich zu. Steinar Ege, der Torhüter der Gummersbacher, kann diese Einwände nur bedingt verstehen. „Das ist ja kein Regelbruch, viele Tore zu werfen“, sagt der erfahrene Norweger.

Der Kieler Trainer Serdarusic wird sogar ärgerlich, wenn er davon hört. Er sagt: „Es geht nicht um eine tolle Abwehr und darum, dass sich der Angriff minutenlang daran festbeißt. Die Zuschauer wollen Action sehen, ein Spektakel, sie wollen Tempo und Spieler, die sich wie Löwen bekämpfen.“ Serdarusic sieht die Akteure des Handballs als moderne Gladiatoren. Sein Ziel: „Ich möchte den Handball noch schneller haben, damit noch mehr Zuschauer in die Hallen kommen.“

Die Frage ist, ob das physisch machbar ist. Denn schon Lemgo war dem Tempo der „Schnellen Mitte“ nicht auf Dauer gewachsen; damals herausragende Spieler wie Daniel Stephan und Markus Baur kämpfen seitdem mit Verletzungen. „Wir haben das jetzt sechs Wochen gemacht“, sagt Kiels Kapitän Stefan Lövgren, „das 54:34 gegen Magdeburg wird sich nie wiederholen, das war einmalig“. Der 36-jährige Schwede geht wie bei der „Schnellen Mitte“ auch jetzt von einer „Wellenbewegung“ aus, davon, dass sich alle irgendwann gedanklich auf die schnellen Sprungwürfe der Kieler eingestellt haben.

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