Sport : Am Netz passiert: Schlupflöcher im Bestellsystem

Benedikt Voigt

An dieser Stelle muss heute von einem Skandal die Rede sein, der den Menschenrechtsorganisationen noch nicht bekannt sein dürfte: Bei den German Open können Tennisspielerinnen bestellt werden. Ort der seltsamen Handlung ist die Tribüne unter dem Court B, wo die zahlreichen schwarzen Laptops der Pressevertreter stehen. Immer wenn die Journalisten mit einer Tennisspielerin Kontakt aufnehmen wollen, dann geben sie einfach eine Bestellung bei den Vertretern der Frauentennisorganisation WTA auf. Ist das geschehen, muss die Spielerin kommen.

Manchmal aber lässt die Nachfrage nach einer Spielerin zu wünschen übrig, und dann läuft die Dame vom Presseschalter durch die Reihen der Journalisten und fragt: "Wer will Lamade?" Dann stecken die Damen und Herren von der Presse in einem Dilemma. In Bruchteilen von Sekunden müssen sie überlegen: Will ich Lamade? Und wenn ja, warum will ich Lamade? Und was will ich überhaupt von Lamade? Während man so überlegt, geht die Dame vom Presseschalter weiter und ruft noch einmal: "Wer will Lamade?" Noch mehr Journalisten fangen an zu überlegen, bis endlich die Kollegin K. am schnellsten schaltet und ruft: "Ja, ich will Lamade." Es dauert noch ein Weile, dann erscheint Bianka Lamade tatsächlich unter der Tribüne des Court B. Und, siehe da, alle Kollegen, die zuvor noch so angestrengt nachdachten, versammeln sich im kleinen Presseraum. Alle wollten Lamade.

Es gibt aber auch Möglichkeiten für Spielerinnen, sich einer Bestellung zu entziehen. Sie können sich - wahrheitsgemäß oder nicht - verletzt melden, wie es Anna Kurnikowa im vergangenen Jahr in Berlin tat. Oder sie nehmen eine Geldstrafe für das Nicht-Erscheinen auf der Pressekonferenz in Kauf. Venus Williams leistet sich das gelegentlich. Das skandalöse Bestellsystem lässt also noch ein paar Schlupflöcher zu. Vielleicht müssen die Menschenrechtsorganisationen doch noch nicht so schnell eingreifen.

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