Sport : Am Tor zur Wirklichkeit

0:2 gegen den HSV und verärgerte Fans – Dortmunds Krise wird größer

Felix Meininghaus[Dortm]

Vor der Begegnung gegen den HSV entrollten die Fans auf der Südtribüne des Westfalenstadions ein Spruchband mit einem Liedvers der „Toten Hosen“: „Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft.“ Doch am Samstag ging die alte Zeit erst einmal weiter bei Borussia Dortmund, die Zeit der unerfüllten Wünsche und schlechten Heimspiele. Gegen Hamburg verloren die Dortmunder 0:2. Erst schien die Borussia nur in ein einer wirtschaftlichen Krise zu stecken, jetzt ist sie auch in einer sportlichen.

Die Fans der Borussia beließen es nach dem Spiel auch nicht mehr beim Wünschen. Hunderte empörte Anhänger in Schwarz-Gelb versammelten sich am Gitter, das die Katakomben des Westfalenstadions von der Straße trennt, und brüllten: „Zweite Liga, Dortmund ist dabei!“ Länger als eine Stunde versperrten sie den Mannschaftsbussen den Weg. Einige Spieler versuchten, die tobende Meute zu beruhigen, doch Tomas Rosicky drang mit seiner dünnen Stimme nicht durch. Besser machte es Sebastian Kehl, der schon im ärmlichen Spiel zu den wenigen zupackenden BVB-Profis gehört hatte. Der Nationalspieler schnappte sich ein Megaphon: „Wir wissen selbst, dass wir Mist gebaut haben, aber wir können da nur gemeinsam rauskommen.“

Auch der designierte Präsident Reinhard Rauball versuchte, ein Gefühl des Zusammenhalts zu vermitteln. Vor den Journalisten dozierte der promovierte Jurist später über die Dortmunder Heimmisere, die den Deutschen Meister von 2002 in die Nähe der Abstiegsränge gebracht hat. So etwas habe es in der Geschichte des BVB noch nicht gegeben.

Doch da irrte Rauball: Vor fünf Jahren erlebten die Dortmunder unter Trainer Bernd Krauss eine ähnliche Schwächeperiode. Damals gingen Heimspiele gegen Klubs wie Unterhaching und Bielefeld verloren. Erst das aus purer Verzweiflung verpflichtete Trainergespann Lattek/Sammer konnte Dortmund in den verbleibenden fünf Spielen noch vor dem Abstieg in die Zweite Liga retten.

Auch jetzt droht es eng zu werden: Während draußen die Fans tobten und drinnen Rauball ein Wir-Gefühl forderte, hielt Trainer Bert van Marwijk eine beeindruckende Grundsatzrede und schwor das Umfeld auf den Überlebenskampf ein. Vor Beginn der Pressekonferenz schob der Holländer das ihm angebotene Bier zur Seite und kam zum Wesentlichen: Man habe von Anfang an sehen können, wie „unruhig und unsicher wir waren“. Das fehlende Zutrauen habe „viel zu tun mit den ganzen Geschichten rund um den Verein. Die Dinge sitzen zu tief. Wir müssen realistisch sein: Wir sind ganz unten und spielen gegen den Abstieg“. Eine erfreuliche Prognose konnte der Trainer seinem Verein nicht stellen: „Das Selbstvertrauen ist weg, und das holt man sich nicht so schnell zurück.“

Eine Trainerdiskussion führen sie beim BVB aber nicht. Van Marwijks Reputation ist unangetastet, ihm wird zugute gehalten, an neuer Wirkungsstätte in chaotische Verhältnisse geraten zu sein. „Er ist mit der beste Trainer, den ich je gehabt habe“, sagte Kapitän Christian Wörns. Und als van Marwijk gefragt wurde, ob er sich nicht als „das ärmste Schwein“ fühle, demonstrierte er moralische Stärke: „Am liebsten hätte ich heute noch ein Spiel. Wir müssen kämpfen.“

In Dortmund scheinen fast alle das Ausmaß der Misere begriffen zu haben. Bis auf einen Beteiligten, der weiterhin in einem Parallel-Universum zu leben scheint: Der Geschäftsführer der Borussia Dortmund KGaA und scheidende Präsident Gerd Niebaum schreibt im Stadionheft davon, es gelte nun, „die fähigsten Kräfte zu bündeln. Michael Meier und ich können uns nun ausschließlich darauf konzentrieren, die Konsolidierungsanstrengungen fortzuführen“. Im Zusammenhang mit der eigenen Person von den fähigsten Kräften zu sprechen, klingt anmaßend für einen, der den höchsten Schuldenberg in der Geschichte der Bundesliga zu verantworten hat.

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