Sport : Am Ziel vorbei entwickelt

Die Fortschritte der deutschen Handballer reichen noch nicht für große Siege.

Erik Eggers[Belgrad]
Generationswechsel. Oliver Roggisch (links) und Pascal Hens werden ihre Karrieren in der Nationalmannschaft nach dem EM-K.o. wahrscheinlich beenden. Foto: dapd
Generationswechsel. Oliver Roggisch (links) und Pascal Hens werden ihre Karrieren in der Nationalmannschaft nach dem EM-K.o....Foto: dapd

Auch in den Stunden nach dem Aus bei der Europameisterschaft in Serbien hatten sich die deutschen Handballer als Einheit präsentiert. „Wir waren alle im Zimmer von Michael Haaß und haben Fernsehen geschaut“, berichtete der Flensburger Holger Glandorf, als sie die Reise in die Heimat antraten. Sie standen also dem Göppinger Spielmacher bei, der sich in den letzten Minuten des dramatischen Spiels gegen die Polen (32:33) einen Fußbruch zugezogen hatte, das war für Bundestrainer Martin Heuberger ein symbolhafter Abschluss einer Reise. „Diese Mannschaft hat eine tolle Entwicklung gemacht und sich durch großen Teamgeist ausgezeichnet“, sagte Heuberger.

Im Foyer des Belgrader Fünf-Sterne-Hotels, dem Quartier aller Teams, wurde die Fahne in Schwarz-Rot-Gold abgehängt, als der 47-Jährige aus Schutterwald nach dem Frühstück sein erstes Turnier als Bundestrainer resümierte. Die Enttäuschung über das Scheitern war auch deshalb so groß, weil es historische Dimensionen annimmt: Wenn im August in London der Olympiasieger ermittelt wird, fehlt erstmals das Mutterland des Handballs. „Das ist fatal“, sagte Heuberger. „Wir haben unser großes Ziel nicht erreicht.“

Pascal Hens (HSV) verweigerte jedes Interview. Der 31-jährige Kapitän hatte ein furchtbares Turnier gespielt, und das trotz einer steigenden Formkurve im Dezember, unerklärlich für ihn, für den Trainer, für alle. Welche Möglichkeiten hätte dieses eingeschworene Team mit einem Hens in Bestform gehabt?

Eine große sportliche Zäsur ist nach dem siebten Platz in Serbien nicht zu erwarten. Der Deutsche Handballbund (DHB) hält am Bundestrainer Heuberger fest, das stellte Vizepräsident Horst Bredemeier vor der Abreise klar. „Heuberger hat einen Dreijahresvertrag bis 2014, und der wird erfüllt“, sagte Bredemeier. Die Bundestrainer-Frage wurde auch deshalb nicht gestellt, weil der Trend nach den vorangegangenen herben Turnierpleiten im Grunde nach oben zeigt. „Vor dem Turnier hat niemand auch nur einen Cent auf uns gewettet, und jetzt hatten wir die große Chance, das Halbfinale zu erreichen“, sagte Heuberger.

Hinzu kommt, dass die Niederlage gegen Polen höchst unglücklich war, nicht nur wegen der bösen Verletzung von Haaß, auch weil das Team nach Meinung der DHB-Verantwortlichen nach der 31:29-Führung vier Minuten vor Schluss von den spanischen Schiedsrichtern benachteiligt worden war. „Schade, dass es nicht nur auf der sportlichen Ebene entschieden wurde, sondern durch diskussionswürdige und fragwürdige Entscheidung verfälscht wurde“, sagte Heuberger nach dem Videostudium des Spiels.

Die Mannschaft wird sich nicht radikal verändern, dafür fehlt es an geeigneten Kandidaten im Nachwuchsbereich. Womöglich wird Hens aufhören, auch der 33-jährige Abwehrchef Oliver Roggisch (Rhein Neckar-Löwen) könnte abtreten, nach Lage der Dinge wird der talentierte Halblinke Christian Dissinger (Schaffhausen) dazu kommen, sobald er seinen Kreuzbandriss auskuriert hat, und auch Kreisläufer Hendrik Pekeler (Bergischer HC) hat eine große Perspektive. Der Kern des Teams aber verändert sich nicht. „Wir sind darauf angewiesen, was uns die Bundesliga an Spielern liefert“, sagte Heuberger. Eine erneute Debatte darüber, in den Klubs eine Quote für deutsche Spieler einzuführen, wollte er in Belgrad nicht anstoßen.

„Es wird weitergehen mit dem Handball in Deutschland“, sagte der Mann aus der Ortenau. Einen Rücktritt schließt er kategorisch aus. „Aufgeben kann man Pakete bei der Post, aber ich werde nicht aufgeben“, sagte er. „Mein Ziel bleibt weiter, eine Mannschaft aufzubauen, die so schnell wie möglich um Titel mitspielt.“ Ein Turnier war verloren für den Bundestrainer, sein Kampfgeist aber lebt.

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