Sport : Amateur mit Ausblick

Herthas Trainer Falko Götz traut dem 20-jährigen Sejad Salihovic eine große Karriere zu

Michael Rosentritt

Berlin - Im Fußball ist es eben doch anders als im wirklichen Leben. Auf dem Fußballplatz reicht einem jungen Mann manchmal eine gute Szene, um über Nacht berühmt zu werden. Da ist beispielsweise das Tor des Dortmunders Lars Ricken zum 3:1-Sieg über Juventus Turin im Finale der Champions League im Mai 1997. Sekunden vor seinem Traumtor war Ricken für Chapuisat eingewechselt worden.

Nun hat Sejad Salihovic nicht die Champions League gewonnen, er hat noch nicht einmal ein Tor geschossen, doch die eine Szene, die sich am Sonntag beim 1:1 im Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Kaiserslautern zutrug, könnte die Karriere des jungen Bosniers erheblich beschleunigen. Fünf Minuten vor Schluss trat Sejad Salihovic einen Freistoß scharf und mit viel Effet vor das Tor der in Führung liegenden Gäste, Alexander Madlung touchierte den Ball mit dem Scheitel, und schon stand es 1:1. Dieses Tor war für die Berliner von besonderer Bedeutung, da es vom Bremer Schiedsrichter Gagelmann auch gegeben wurde. Zuvor hatte Gagelmann zwei Treffer der Berliner die Anerkennung versagt, zu unrecht, wie auch Gagelmann nach dem Studium der Fernsehbilder zugab.

Sejad Salihovic ist gerade 20 Jahre alt, und Herthas Trainer Falko Götz hatte ihn erst zehn Minuten vor dem richtungsweisenden Freistoß eingewechselt. Bis dahin hatte er ganze sechs Minuten in der Bundesliga gespielt. Für Götz war es kein Risiko, wie er hinterher sagte. Seit gut drei Wochen trainiert der Bosnier kontinuierlich bei den Profis mit. Für Herthas Regionalliga-Mannschaft hat Salihovic in dieser Saison in 20 Spielen elf Tore erzielt. „Er war der überragende Mann in der Regionalliga“, sagte Götz. Im Training könne man sehen, „dass er will, dass er sich reinhaut“. Dabei war den Mitspielern nicht entgangen, dass Salihovic gute Freistöße schießen kann. Und so kam es, dass fünf Minuten vor dem Ende Sejad Salihovic und nicht Marcelinho sich den Ball zurecht legte. Ein ungewöhnliches Bild für die Hertha-Fans und wohl auch für die Lauterer. Eigentlich schießt Marcelinho die Freistöße. Der Brasilianer ist es, der am liebsten jeden ruhenden Ball schießen möchte. Und nun kam ein 20-Jähriger von den Amateuren und wollte die vielleicht letzte Chance zum Ausgleich einleiten.

Marcelinho blieb in der Nähe des Freistoßpunktes und beobachte, wie Salihovic kurz anlief und den Ball über 30 Meter gekonnt auf den Kopf von Madlung zirkelte. Während der Torschütze Richtung Eckfahne rannte und vor Freude eine Werbebande umtrat, stieß Salihovic mehrere Schreie aus, ehe er mit ausgebreiteten Armen auf Madlung zustürmte. Kurz darauf lief er zu Marcelinho und bedankte sich bei diesem. Für ein paar Sekunden hatte Salihovic dem Mittelfeldregisseur die Schau gestohlen. Am Tag nach dem Spiel war es dann wieder wie immer. Marcelinho galt die Aufmerksamkeit. „Jeder weiß, wie schwer es Marcelinho fällt, zu verzichten. In dieser Situation hat er Größe bewiesen“, sagte Götz. Salihovic trabte nach dem Training wortlos in die Kabine. Die versammelten Journalisten wollten ihm zwar Fragen stellen, doch mochte er nicht als einziger aus der Reihe tanzen.

Falko Götz hat die Bescheidenheit des jungen Mannes als gutes Zeichen gewertet. Bis jetzt jedenfalls sieht sich der Trainer bestätigt. „Sejad hat außergewöhnliche Fähigkeiten“, sagte Götz: „Ich traue ihm eine große Karriere zu.“

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