Sport : Amateure vor dem Tor

Spaniens Stars fürchten nach dem 2:1 gegen Norwegen um die EM-Teilnahme

Harald Irnberger

Valencia. Die spanische Fußball-Nationalmannschaft exerzierte am späten Samstagabend in Valencia das vor, was derzeit auch bei vielen spanischen Vereinsmannschaften zu beobachten ist: Eine Versammlung durchaus hervorragender Kicker bildet unter dem Kommando eines mittelmäßigen Teamchefs eine nur mittelmäßige Mannschaft. Und die ist somit noch keineswegs für die Europameisterschaft 2004 in Portugal qualifiziert. Beim Hinspiel gelang gegen die Norweger, die bei ihrem ersten Angriff durch Steffen Iversen sogar in Führung gegangen waren, zwar kurz vor Schluss noch der Treffer zum 2:1-Sieg – durch ein Eigentor von Henning Berg. Ob dieser knappe Vorsprung aber für das Rückspiel am kommenden Mittwoch in Oslo reicht, ist fraglich. Den Norwegern würde schon ein knappes 1:0 zur Qualifikation reichen.

In Valencia wurde deutlich, dass die Spanier derzeit erhebliche Probleme mit dem Fußballspielen haben. Zunächst konnte die Abwehr nicht überzeugen. Sie wurde zwar nur selten gefordert, doch wenn dies geschah, wirkte sie einige Male erstaunlich konfus gegenüber dem schnörkellosen Angriffsspiel der Norweger, die ihr Glück fast ausnahmslos mit weiten, hohen Bällen auf ihre kopfballstarken Offensivspieler suchten.

Gegen eine Mannschaft wie die der Norweger, die vor allem in der Defensive stark ist, würde eine gute Mannschaft den Ball geduldig in den eigenen Reihen halten und möglichst über die Flügel angreifen. Dank ihrer technischen und spielerischen Überlegenheit gelang dies den Spaniern auch teilweise. Doch meist liefen ihre Aktionen zu langsam, zu drucklos und vor allem zu vorhersehbar ab. Das liegt offenkundig an mangelhaft ausgeprägter kollektiver Siegermentalität. Spanische Beobachter attestieren ihrem Team sogar Nervenschwäche, die insbesondere am Strafraum und beim Abschluss deutlich werde.

Dass die Spanier überhaupt über die Play-offs den Weg nach Portugal suchen müssen, lag in erster Linie an ihrer mangelhaften Chancenauswertung in den Qualifikationsspielen gegen Griechenland und Nordirland. Und wenn sie nun an Norwegen scheitern sollten, so läge die Ursache auch und vor allem an der Vielzahl der in Valencia auf mitunter unglaublich stümperhafte Weise vergebenen Chancen. Wie nah dabei Genialität und Versagen sein können, zeigte Raul, als er sich mit einer kaum für möglich gehaltenen Ballannahme am Strafraum freispielte – dann aber, allein vor dem norwegischen Torwart stehend, diesem den Ball fast anfängerhaft in die Hände lupfte. Raul konnte immerhin für sich verbuchen, dass er in der ersten Halbzeit das zwischenzeitliche Ausgleichstor erzielt hatte.

„Der 2:1-Sieg ist für Spanien wie eine Flasche, die halb voll und halb leer ist“, schrieb die Zeitung „As“.Für das Rückspiel in Oslo versprachen die Spieler, mit spielerischer Offensive den Erfolg zu suchen. Das ist ein guter Vorsatz, denn das können sie – wenn es einmal gut läuft – bei weitem besser als viele Konkurrenten. Zum Kreis der EM-Favoriten würde Spanien aber keinesfalls zu zählen sein, solange der Teamchef Inaki Saez heißt, der nach Meinung von Experten nur 70 Prozent des Leistungsvermögens aus der Mannschaft herausholt. Sollte indes nach der Europameisterschaft ein Mann wie der ehemalige Real-Trainer Vicente del Bosque für diesen Posten gewonnen werden, dann könnte man sich diese junge spanische Mannschaft schon mal für die WM 2006 vormerken.

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