Amateurfußball wird professioneller : Videoanalyse auf dem Ascheplatz

Der Amateurfußball wird immer professioneller. Das entdecken auch Unternehmen und versuchen, den wachsenden Markt für sich zu gewinnen - trotz Skepsis aus den Vereinen.

Marvin Clignon
Arbeitsplatz Amateurfußball. Unterklassige Ligen bilden einen eigenen Wirtschaftszweig mit mehr Zuschauern als Erste und Zweite Liga. Hier ein Platzwart in Quickborn. Foto: imago
Arbeitsplatz Amateurfußball. Unterklassige Ligen bilden einen eigenen Wirtschaftszweig mit mehr Zuschauern als Erste und Zweite...Foto: imago

Im jüngsten Moment des Triumphes des deutschen Fußballs, dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014, war es Wolfgang Niersbach wichtig, zu loben. „Ihr alle habt Anteil an diesem Gemeinschaftswerk. Die Einheit ist die Stärke des deutschen Fußballs. Nirgendwo anders funktioniert das Miteinander von Profis und Amateuren so gut wie bei uns“, sagte der DFB-Präsident nach dem Titelgewinn in Brasilien – und stellte so die Bedeutung des Amateurfußballs heraus.

Amateurfußball? Das klingt nach Provinz, Ascheplätzen oder Spielern mit Bierbäuchen, aber nicht nach Glanz im Stile der Nationalmannschaft. Doch so sehr auch sportlich und wirtschaftlich Welten zwischen dem Profi-Fußball und den unteren Ligen liegen: Das Bild des bolzenden Spaßkickers in der Kreisklasse ist überholt. Der Amateurfußball ist in sportlicher Hinsicht zunehmend professioneller geworden.

Wirtschaftssektor Profifußball

„In fast jedem Verein gibt es lizenzierte Trainer für die Jugendmannschaften, die Vereine haben ein Konzept“, sagt Bernd Upmeier. Er ist Trainer des SC Charlottenburg, seine Mannschaft tritt in der Berliner Landesliga an. Doch nicht nur das Niveau auf dem Spielfeld hat sich geändert. „In letzter Zeit haben wir öfters Angebote von Physiotherapeuten oder für Videoanalysen erhalten. Früher gab es das nicht“, bemerkt Upmeier.

Der professionelle Fußball bildet einen ganzen Wirtschaftssektor. Sponsoren, Fernsehanstalten, Manager, Ausrüster und Spielerberater haben hier ihre Nische gefunden. Wo es seit Jahren um viel Geld geht, ist die Chance für Neueinsteiger allerdings gering, einen Fuß in die Tür zu kriegen. Die Platzhirsche der Branche können so schnell nicht verdrängt werden. Das gilt selbst für die weniger glamourösen Aufgabenfelder. Bei der Statistikerfassung zum Beispiel besitzen Firmen wie Opta Sports oder Impire ein Monopol.

Deshalb verstärkt sich zunehmend das Interesse an Vereinen und Ligen abseits des Rampenlichts. 170 000 Amateur- und Jugendmannschaften gibt es in Deutschland. Sportlich gab es in letzter Zeit einen Qualitätsschub, der DFB hatte schon weit vor der WM erkannt, dass nicht nur die Jugendförderung wichtig ist, sondern auch der Breitensport.

Fubalytics und Clubspo11: Neue Möglichkeiten

Alexander Bitzke ist Mitbegründer von Fubalytics. Die Videoplattform soll insbesondere Mannschaften aus den unteren Ligen, also Regionalligen und tiefer, eine günstige Möglichkeit bieten, das eigene Spiel zu analysieren und Daten zu erfassen. Auf dem Portal können Trainer oder Spieler ein aufgezeichnetes Spiel hochladen und anschließend analysieren und bearbeiten. Bitzkes Unternehmen befindet sich noch in der Startphase, in zwei Jahren sollen schwarze Zahlen geschrieben werden. Ein ambitioniertes Ziel, selbst im noch weitgehend unberührten Markt Amateurfußball. Denn trotz vieler Innovationen sind Trainer skeptisch gegenüber Neuem oder haben keine zusätzliche Zeit für eine Videoanalyse. Und die meisten Vereine sind von einer zunehmenden Professionalisierung noch weit entfernt.

Michael Müller kann dies bestätigen. Er ist Vorsitzender von „Clubspo11“. Sein Unternehmen finanziert sich damit, dass es Geld in den Amateurfußball bringt. Er schätzt, dass jährlich 500 Millionen Euro Sponsorengelder in den Breitensport Fußball fließen. Eine stattliche Summe, dafür, dass die Sponsorenakquise bisher weitgehend unprofessionell ablief. „Die Vereine wissen nicht: Was ist der Quadratmeter Bande wert? Was ist ein Trikotsponsoring wert? Auch im Profifußball gab es zunächst keine einheitlichen, transparenten Sponsoringangebote.“ Müller will mit seinem Portal als Vermittler zwischen Geldgebern und Vereinen auftreten.

Es ist auch die schiere Anzahl an Vereinen, die lockt. 25 000 deutsche Fußballklubs gibt es. „Hochgerechnet finden an jedem Wochenende 40- bis 50 000 Spiele in der Spitze statt“, schätzt Müller. „Pro Spiel gehen durchschnittlich vielleicht nur 30 bis 40 Zuschauer zu den Spielen. Aber in der Masse betrachtet sind das in der Spitze 2,4 Millionen Zuschauer. Das ist mehr, als die Stadien der Ersten und zweiten Bundesliga fassen.“ Wenn davon auch nur ein Bruchteil erreicht wird, könnte sich das Geschäft schon lohnen. Die Unternehmen im Fußball stecken noch in den Kinderschuhen, es gibt aber auch schon vereinzelte Beispiele von Portalen, die bereits schwarze Zahlen schreiben. Es bleibt abzuwarten, ob andere Unternehmer nachlegen können. Videoanalysen und Behandlungen wie bei den Profis erscheinen allerdings nicht mehr illusorisch. Zukünftig könnte der Kick auf dem Ascheplatz also hochprofessionell wirken.

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