American Football : 765 Millionen als Schmerzmittel

Um die Debatte über Kopfverletzungen im Football zu beenden, entschädigt die US-amerikanische Profiliga NFL alle rund 18 000 ehemalige Spieler, sofern sie an neurologischen Krankheiten leiden.

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Fremd im eigenen Kopf. Der Football-Star Junior Seau beging Selbstmord, als er merkte, dass er an der Gehirnkrankheit CTE litt.
Fremd im eigenen Kopf. Der Football-Star Junior Seau beging Selbstmord, als er merkte, dass er an der Gehirnkrankheit CTE litt.Foto: AFP

Roger Goodell ist derzeit ein zufriedener Mann. Der Kommissar der National Football League (NFL) reist heute nach Denver, um sich dort das Auftaktspiel zwischen den gastgebenden Broncos und Titelverteidiger Baltimore Ravens anzusehen (Freitag, 2.30 Uhr, live bei Sport 1 US). Der 54-Jährige kann sich entspannt in seinen Logensessel lehnen, denn Goodell hat bereits vor dem ersten Kickoff einen wichtigen Sieg errungen.

In der vergangenen Woche einigte sich die NFL mit ehemaligen Spielern und deren Angehörigen auf einen Vergleich. Die Liga zahlt ihnen in Zukunft 765 Millionen US-Dollar, das entspricht etwa 570 Millionen Euro – eine in dieser Höhe bisher unerreichte Summe im Sport. Noch bedarf der Vergleich allerdings der Zustimmung durch die zuständige Richterin. „Danach sieht es aber aus“, sagt Ken Belson, der als Reporter für die „New York Times“ die Angelegenheit begleitet.

Die NFL könnte auf diese Weise eine für sie heikle Angelegenheit offiziell beenden. Zuvor hatten etwas mehr als 4500 ehemalige Spieler und deren Familien die NFL per Sammelklage verklagt. Ihr Vorwurf: Die Liga habe sich nicht ausreichend um die Gesundheit der Spieler gekümmert, Verletzungen billigend in Kauf genommen und kaum Schutz durch das Regelwerk gewährleistet. Konkret ging es um schwere Kopfverletzungen.

Vor allem Chronische traumatische Enzephalopathie (CTE) wurde dabei thematisiert. CTE ist eine degenerative und nur mäßig erforschte Gehirnkrankheit, deren Auslöser Gehirnerschütterungen sein können. Die Anzeichen reichen von starken Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen bis hin zu Gedächtnisverlust oder gar Persönlichkeitsstörungen. Nach ihrem Karriereende hatten regelmäßig ehemalige Spieler über diese Symptome geklagt.

Richtig aufmerksam wurde die amerikanische Öffentlichkeit aber erst, als sich zwei prominente Athleten das Leben nahmen. Im Mai 2012 erschoss sich der ehemals als Verteidiger zu Ruhm gekommene Junior Seau in seiner Wohnung, bei der anschließenden Obduktion stellte sich heraus, dass Seau an CTE litt. Auch Dave Duerson griff zur Waffe, im Gegensatz zu Seau schoss er sich aber nicht in den Kopf, sondern absichtlich in die Brust. Duerson wollte sichergehen, dass die Untersuchungen an ihm auch erfolgreich verlaufen. CTE lässt sich bisher mit abschließender Sicherheit nur nach dem Tod eines Menschen feststellen, weil dazu eine Untersuchung des Gehirns notwendig ist.

Die Debatte um Folgeschäden bei professionellen Football-Spielern erreichte ihren Höhepunkt im vergangenen Winter – ausgerechnet dann, wenn in den USA die besten Mannschaften des Landes um den Super Bowl spielen. Sogar Präsident Obama schaltete sich ein und erklärte, dass er, gesetzt den Fall er hätte Söhne, diesen eher nicht das Footballspielen erlauben würde. Für die NFL bedeutete das einen gewaltigen Imageschaden zum ungünstigsten Zeitpunkt. „Wenn der Präsident der USA so etwas sagt, hast du definitiv ein Problem. Allerdings ist es mehr ein Problem für die Zukunft, wenn dem Sport der Nachwuchs ausgehen könnte“, sagt Belson.

Umso interessierter ist die Liga an einer schnellen Einigung mit den Klägern. Unter keinen Umständen soll die Debatte mit in die neue Saison genommen werden. Die Zuschauerzahlen in den Stadien und an den Fernsehgeräten sind nach wie vor hoch, die Erlöse beim Merchandising steigen stetig. Zehn Milliarden Dollar nimmt die NFL jährlich ein – mehr als jede andere US-Liga. Gemessen daran sind die 765 Millionen Dollar verschmerzbar, in der öffentlichen Wahrnehmung steht die NFL als Gewinner da. Klagen gegen große Organisationen oder Firmen haben in den USA Tradition und in der Regel größere Aussichten auf Erfolg als etwa in Europa. „Die Liga sichert sich durch den Vergleich erst einmal gegen rechtliche Probleme und Einzelklagen ab“, sagt Belson.

Bei den Betroffenen rief die Einigung gemischte Reaktionen hervor. Kevin Turner begrüßt den Vergleich. Der frühere Fullback gibt monatlich 8500 Dollar für die Behandlung seiner Gehirnkrankheit aus, er ist auf die künftigen Zahlungen angewiesen. Der Großteil der 765 Millionen Dollar soll den Spielern zukommen. Der genaue Anteil soll aus dem Alter und der Anzahl der Jahre, die sie gespielt haben, errechnet werden. Entschädigungen stehen dabei nicht nur den Klägern, sondern allen rund 18 000 ehemaligen Spielern zu, sofern sie an neurologischen Krankheiten leiden. Der Rest der Summe soll zur Forschung und zur Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten von Gehirnschäden zur Verfügung gestellt werden.

Dem jüngst zurückgetretenen Linebacker Aaron Curry reicht das nicht. Über Twitter ließ er verlauten: „Vergleiche bei Gehirnerschütterungen entschädigen nicht dafür, dass man vorzeitig stirbt oder die Namen seiner Kinder vergisst.“

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