American Football : Der Held des kleinen Mannes

Footballspieler Brett Favre ist US-Sportler des Jahres – auch, weil er unter Schicksalsschlägen nicht einknickte. Eine Nacht dem Tod seines Vaters machte er sein größtes Spiel.

Sebastian Moll
Favre
Brett Favre: Star mit Bodenhaftung -Foto: AFP

New YorkEs gab nicht viele Wohlfühl-Geschichten im US-Profisport in diesem Jahr. Die großen Schlagzeilen handelten weniger von Triumphen und Heldentaten als von Skandalen: Der schwer dopingverdächtige Baseball-Star Barry Bonds verbesserte den scheinbar ewigen Homerun-Rekord und wurde dabei ausgepfiffen; kurz darauf wurde er sogar vor Gericht gestellt. Sprint-Star Marion Jones musste ihre Olympiamedaillen ebenso zurück geben wie Radprofi Floyd Landis sein Gelbes Trikot. 2006 hatte er erst die Tour de France gewonnen, kurz darauf war er als Dopingsünder aufgeflogen, nach einem Rechtsstreit wurde ihm in diesem Jahr der Sieg aberkannt. Und zum Jahresende bescherte Senator George Mitchell den Fans einen Report, der dokumentiert, dass nicht ein einziges Team der Baseball-Liga dopingfrei ist.

Angesichts dieser Bilanz fiel die Wahl zum „Sportler des Jahres“ nicht schwer. Die Jury des Magazins „Sports Illustrated“ hatte keine große Auswahl mehr an unbelasteten Heroen. Im Team der World-Series-Champions im Baseball, den Boston Red Sox, stach ebenso wenig ein einzelner Spieler hervor wie beim Basketball-Meister San Antonio. Basketball-Superstars wie Dirk Nowitzki und LeBron James hatten sich frühzeitig aus dem Meisterschaftskampf verabschiedet. Die Football-Star-Quarterbacks Peyton Manning und Tom Brady waren zu blass für eine Auszeichnung. Und so kam eigentlich nur noch ein Mann für das Cover des Weihnachtsausgabe von „Sports Illustrated“ in Frage: Brett Favre.

Der 38 Jahre alte Quarterback der Green Bay Packers spielt gerade die Football-Saison seines Lebens. Im vergangenen Jahr noch hatte man in Green Bay hinter vorgehaltener Hand schon erklärt, dass der alternde Star sich und dem Football-besessenen Städtchen an der kanadischen Grenze einen Gefallen tun würde, wenn er zurücktreten würde. Doch in dieser Saison übertraf Favre den langjährigen Rekord für Touchdown-Pässe, den die Miami-Dolphins-Legende Dan Marino gehalten hatte. Favre war sowohl bei der Zahl der erfolgreichen Abgaben als auch beim Raumgewinn besser. Die Packers haben mit Favre die National Conference gewonnen und sich frühzeitig für die Play-offs qualifiziert. Experten trauen ihnen zu, erstmals seit 1997 wieder ins Superbowl-Finale zu kommen.

Favre kam aber nicht bloß wegen dieses Comebacks aufs Titelbild, er ist auch der Mann, mit dem sich die US-Fans im Moment am besten identifizieren können. Es gibt kaum einen Fan, der Favre nicht diesen späten, starken Auftritt gönnt. Nachdem Favre am 16. Dezember gegen St. Louis den Yard-Rekord von Dan Marino übertroffen hatte, wurde das Spiel unterbrochen, und das ganze Stadion spendete Minuten lang Szenenapplaus – inklusive der Anhänger der heimischen Rams, für die der Rekordpass von Favre eine herbe 33:14-Niederlage bedeutete.

Favre konnte immer den Eindruck vermitteln, er sei bodenständig geblieben. Und damit bildete er einen angenehmen Kontrast zu anderen Stars. Tom Brady zum Beispiel, der Quarterback der unantastbaren New England Patriots, hat das Image einer roboterhaft auftretenden Figur. Favre zeigt seine Ecken und Kanten. Er hat in der Öffentlichkeit mit seiner Alkohol- und Medikamentensucht gerungen, er ist unter aller Augen vom spätpubertierenden Haudrauf zum Vorbild gereift. Er hat Todesfälle in der engsten Familie und die Krebserkrankung seiner Frau gemeistert.

Nichts in seiner 17-jährigen Karriere ist nicht öffentlich abgelaufen, jeder erlebte die Dramen dieses Mannes mit, der trotzdem seinen Job erledigte. Egal, was gerade wieder geschehen war, er spielte, auch wenn er nicht in Bestform war. Keiner der Star-Quarterbacks hat so oft daneben geworfen wie Favre. Aber er ist auch 251 Mal in Folge in der Startaufstellung der Packers aufs Spielfeld gelaufen, und damit ist er der bei weitem zuverlässigste Arbeitnehmer aller Zeiten in der NFL. Und das weiß der einfache Arbeiter auf der Tribüne zu würdigen.

So war das größte Spiel des Brett Favre nicht etwa das gewonnene Superbowl-Finale gegen New England von 1997. Es war vielmehr jene denkwürdige Vorstellung am 22. Dezember 2003 gegen die Oakland Raiders. Favre warf an einem Abend Pässe mit einer Gesamtlänge von 399 Yards und lieferte somit eine Galavorstellung ab. Seine Packers gewannen 41:7. Trotzdem gaben auch die Raiders-Fans Favre stehende Ovationen. Am Abend zuvor war nämlich Favres Vater Irving, genannt „Big Irv“, gestorben. Favre hatte wieder vor aller Augen gelitten und trotzdem triumphiert. Unzählige Zuschauer verfolgten das Spiel mit Tränen in den Augen.

Jetzt fragen sich die Fans, wie viele Spiele Favre trotz schmerzender Gelenke und immer länger werdenden Erholungsphasen noch durchhalten wird. Favre hat keine Antwort darauf, er denkt von Spiel zu Spiel. „Sicher würde ich gerne mit einem Superbowl-Finale aufhören“, sagt er. „Aber das muss nicht sein. Ich bin zufrieden mit meiner Karriere, da muss nichts mehr dazu kommen.“ Ohnehin seien es im Nachhinein nicht die Triumphe und die glorreichen Touchdowns, die in Erinnerung blieben, sondern, „die schweren Zeiten, in denen ich down war und harte Schläge ertragen musste. Da habe ich mich selbst gefunden, deshalb waren es die wertvollsten Momente.“ Favres Fans werden das genauso sehen – und ihm vor allem dafür danken, dass er sie an diesen Momenten teilhaben ließ.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben