American Football : "Die Packers sind hungrig"

Joachim Vetter, Hertha-Fan und gebürtiger Berliner, lebt in Green Bay in den USA - und ist wie die gesamte Gemeinde im Super-Bowl-Fieber. Im Interview spricht er über die Faszination Football, den Mythos Packers und Stadionbesuche bei minus 25 Grad.

Joachim Vetter mit Ehefrau Renee im ehrwürdigen Lambeau Field Stadion von Green Bay.
Joachim Vetter mit Ehefrau Renee im ehrwürdigen Lambeau Field Stadion von Green Bay.Foto: privat

Joachim Vetter ist Berliner und seit 1974 Hertha-Fan. Als er vor 16 Jahren "aus einer Laune heraus" ein Haus in Green Bay im US-Bundesstaat Wisconsin kaufte, wusste er nicht mal, dass es dort ein American Football-Team gibt. Inzwischen ist er eingefleischter Fan der Green Bay Packers, die in der Nacht zu Montag im Finale der National Football League (NFL) in Dallas gegen die Pittsburg Steelers spielen. Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt er den Mythos Green Bay Packers, den einzigen vom Volk getragenen Klub im amerikanischen Profisport.

Herr Vetter, wo und wie werden sie am Sonntag den Super Bowl schauen?

Ich werde mit meinem Sohn und ein paar Freunden in eine Sportsbar gehen. Natürlich wird jeder hier das Spiel schauen, die meisten Bars in der Gegend veranstalten Super Bowl-Partys. Es gibt aber auch Leute, die sich lieber zurückziehen und ganz alleine gucken, weil sie zu aufgeregt sind.

Die Packers gelten als „Volks-Klub“ und haben sich jetzt zum ersten Mal seit dem Sieg 1997 wieder für den Super Bowl qualifiziert. Wie ist aktuell die Stimmung in der Stadt?

Es herrscht absoluter Ausnahmezustand. Man muss wissen, dass die ganze Region hier praktisch für den Klub lebt. Vergleichbar ist das in Deutschland höchstens mit Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Feuerhydranten sind grün-gelb angemalt, überall sieht man Leute in den Packers-Farben.  Am Tag nach dem Einzug in den Superbowl kam ich an einem Laden vorbei, der als einziger schon die neuen Baseball-Kappen mit dem Aufdruck „Green Bay Packers - Superbowl 2011“ hatte, davor warteten mindestens  100 Leute in der Schlange.  Wenn die Packers tatsächlich gewinnen, geht Montag bestimmt niemand arbeiten oder in die Schule. Dann gibt es eine Riesenfete im Stadion mit Fans und Mannschaft.

Was macht die Packers so besonders?

Zunächst mal die Tradition: Der Klub wurde schon 1919 gegründet und hat insgesamt auch die meisten Titel geholt. Und dass obwohl Green Bay die kleinste aller Städte ist, die ein NFL-Team haben. Die Ausrüstungen stiftete damals übrigens ein Sponsor, die „Indian Meet Packing Factory“. Daher auch der Name. Außerdem sind die Packers dass einzige Team im Amerikanischen Profisport, dass nicht in den Händen eines einzelnen Besitzers ist, sondern praktisch von der Gemeinde getragen wird.

Wie das?

In den 1950ern und noch einmal in den 1990ern wurden Aktien ausgegeben. Es gibt eine Obergrenze pro Person, sodass niemand zu viel Einfluss haben kann. So sind über 100.000 Menschen praktisch Mit-Besitzer der Packers, ich bin einer davon. Als das Stadion renoviert werden musste, stimmte die Gemeinde von Brown County mit 53 Prozent für eine spezielle Erhöhung der Mehrwertsteuer, um die Kosten dafür einzutreiben. Der Klub ist so stark in der Region verwurzelt, dass ein Umzug in eine andere Stadt, wie viele andere Teams schon erleben mussten, hier nicht vorstellbar ist.

Abgesehen von der Begeisterung der Amerikaner, was macht für sie noch die Faszination dieser Sportart aus?

Das faszinierende ist für mich, dass man nicht nur bei einem „Touchdown“ oder einem „Field-Goal“ jubelt, ähnlich wie wenn beim Fußball ein Tor fällt. Es kann beim Football auch eine gelungene Defensivaktion wie eine „Interception“ oder ein „Sack“ sein, die das Spiel entscheidet und einen vom Hocker reißt. Dadurch ist das Spiel vielseitiger.

In Deutschland können viele Leute nichts mit American Football anfangen. Unter anderem hört man immer wieder, es gebe zu viele Unterbrechungen, zu wenig Spielfluss und zu viele spezielle Regeln.

Ich sage immer: Wenn man Fußball und Schach in einen Mixer wirft, dann kommt American Football heraus. Eine athletische Sportart mit einem hohen Maß an Taktik. Man braucht am Anfang aber jemanden, der einem alles erklärt. Wenn man erstmal durchsteigt, kommt oft auch die Begeisterung.

Haben Sie sich schon für American Football interessiert, bevor Sie in die USA gezogen sind?

Nein, weil ich es einfach nicht verstanden habe. Eine Sportart, die übersetzt „Fußball“ heißt, hauptsächlich aber mit der Hand gespielt und ständig unterbrochen wird, das wirkte alles irgendwie absurd. Als mir dann während eines Packers-Vikings-Matches die Regeln des Spiels erklärt, und ich auf die lange Tradition der Green Bay Packers hingewiesen wurde, hat mich die Faszination nicht mehr losgelassen.  Zwei Jahre später habe ich die zwei Aktienanteile des Klubs gekauft.

Gehen Sie selbst auch ins Stadion?

Ja, ich gehe mindestens einmal pro Saison. Als Dankeschön für die freiwillige Steuererhöhung  werden zu jedem Heimspiel 4000 Tickets an die Haushalte in Brown County verlost. Bei etwas mehr als 200.000 Einwohnern, hat man da ganz gute Gewinnchancen. Seitdem die Aktion 2003 gestartet wurde, haben wir jedes Jahr welche bekommen.

Die Footballsaison geht von August bis Februar, die Green Bay Packers sind dadurch auch berüchtigt für ihre Spiele bei dichtem Schneetreiben und Temperaturen weit unter Null Grad. Was macht den Reiz an solchen Spielen aus?

Ich war nur einmal bei so einem Winter-Spiel, da tobte ein regelrechter Schneesturm. Es war allerdings nicht wirklich kalt, sodass eine sehr spezielle aber irgendwie angenehme Atmosphäre herrschte.

Es gab aber auch schon Spiele bei wesentlich kälteren Temperaturen, wie den legendären „Ice-Bowl von 1967, der bei Minus 25 grad stattfand. Wie machen die Leute das?

Ja, meine Schwiegereltern waren damals dabei. Das ist dann natürlich einfach nur brutal. Damals durfte man aber auch noch Flachmänner mit ins Stadion nehmen, das gibt’s heute nicht mehr. Die kommen auch nicht auf die Idee, mal einen Grog oder einen Glühwein anzubieten, stattdessen gibt es selbst bei solchen Temperaturen kaltes Bier. Ich weiß aber von Erzählungen, dass manche Fans gerne etwas Rum reinschmuggeln, der wird dann in den heißen Kakao gekippt. 

Für viele gehört Schnee und Kälte aber auch zum Mythos Green Bay Packers dazu.

Ja sicherlich, viele gehen grundsätzlich zu jedem Spiel. Vor ein paar Jahren hat mal eine Gruppe junger Damen als „Bikini-Girls“ auf sich aufmerksam gemacht, die bei jedem Winter-Spiel im Strandoutfit auf der Tribüne standen. Ich glaube, die haben sich mit Vaseline eingeschmiert, um die Kälte ertragen zu können.

Sie sind nicht nur Packers-, sondern als Berliner auch ein großer Hertha-Fan. Wie gut lässt sich das Geschehen in der Bundesliga denn von Wisconsin aus verfolgen?

Ich habe eine Satellitenschüssel, damit empfange ich immerhin die Live-Konferenzen. Später laufen dann auch Wiederholungen

Ist das mit der Zeitverschiebung nicht etwas schwierig, gerade wenn schon um 13 Uhr Anstoß ist, wie jetzt beim Berliner Derby?

Ja, dann ist es hier sechs Uhr morgens. Aber ich hab da kein Problem mit, ich stehe dann halt um halb sechs auf, koche Kaffee und setze mich an Laptop und Fernseher.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Fußball in den USA einen eher geringeren Stellenwert hat?

Wenn man es ihnen erklärt, sind die Amerikaner durchaus für Fußball zu begeistern. Das habe ich gerade bei der letzten WM erlebt. Als Breitensport ist „Soccer“ auch relativ gut etabliert. Nur um sich für den Profisport zu begeistern, brauchen die Amerikaner immer auch alte Idole. Sie haben halt keine Identifikationsfiguren wie Pele oder Beckenbauer, da bleiben Sie lieber bei Michael Jordan oder Joe Montana. Beim Frauenfußball sieht das schon wieder anders aus, da gibt es mit Mia Hamm eine absolute Ikone. Dadurch wird Frauenfußball hier auch mindestens genauso viel beachtet wie Männerfußball.

Verfolgen Sie auch die Major League Soccer, die amerikanische Fußball-Liga?

Nein, überhaupt nicht. Das ist so, als würde man American Football der NFL gewohnt sein und sich dann ein Spiel in Europa angucken. Das sieht aus wie Zeitlupe.

Nochmal zum Spiel am Sonntag: Holen die Packers den Super Bowl?

Ich hoffe doch. Die Steelers haben in den letzten 5 Jahren schon zweimal gewonnen, wir zuletzt 1997. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Packers dass etwas hungrige Team sind, was den Unterschied ausmachen könnte. Ansonsten sind beide Teams ungefähr auf Augenhöhe.

Kann Quarterback Aaron Rodgers noch einmal so eine Gala-Vorstellung abliefern wie im Viertelfinale gegen die Atlanta Falcons?

Die meisten hier trauen ihm das absolut zu. Er hat ein schweres Erbe angetreten als Nachfolger von Quarterback-Legende Brett Favre und ist damit bisher erstaunlich gut klar gekommen. Damit hier aber endgültig niemand mehr über Favre spricht, braucht er diesen Super Bowl Titel.

Das Interview führte Axel Gustke

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