Warum Football die klare Nummer eins im US-Sport ist

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American Football : NFL - die kaputte Liga
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„Football ist die ganz klare Nummer eins unter den Sportarten in Nordamerika“, sagt Todd Dybas. Der Journalist der „Washington Times“, der seit Jahren das Geschehen in den vier großen US-Ligen begleitet, hat eine recht einfache Antwort auf die Frage, warum sich die NFL beim Zuschauer weiterhin größter Beliebtheit erfreut und Skandale an ihr abperlen. „Ablenkung ist ein Kern des Sports, die Leute wollen unterhalten werden“, sagt Dybas, „und von September bis Februar gehört der NFL ein Tag in der Woche, an dem sie das Programm bestimmt und an dem die meisten Menschen frei haben: der Sonntag.“ Wenn die Tage kälter und die Nächte länger werden, ist in vielen Haushalten nichts so heilig wie die Übertragung des Spieltags, abgesehen vielleicht vom Kirchgang. Die kurze Saison mit 16 Pflichtspielen pro Team sorgt für unersättliche Nachfrage. „Football befriedigt einfach viele Bedürfnisse auf einmal“, sagt Dybas und zählt auf: außergewöhnliche athletische Fähigkeiten, sporadische Gewalt, einen milliardenschweren Industriezweig aus Sportwetten und „Fantasy Football“ – ein Hobby vieler Fans, vergleichbar mit hierzulande bekannten Manager-Spielen. Und wer selbst damit nichts anzufangen vermag, kann es sich ja mit Bier und Chips bequem machen und dem Zirkus frönen, der sonntags ins heimische Wohnzimmer kommt. Kurzum: Football ist tief verwurzelt in der US-Kultur, ein nationales Heiligtum. Jedenfalls für den Moment.

„Ob das in fünf oder zehn Jahren immer noch gilt, hängt maßgeblich davon ab, wie die Liga in Zukunft mit ihren Problemen umgeht“, sagt Dybas. Gerade die CTE-Studie hat enorme Reaktionen hervorgerufen – auch vonseiten der Liga: Neuerdings verpflichtet sich die NFL, Familien von an Alzheimer oder CTE erkrankten Ex-Profis mit Millionensummen abzufinden – so weit zur materiellen Entschädigung. Auf den Nachwuchs, auf die potenziellen Stars von morgen also, dürfte sich die Studie allerdings negativ auswirken, wie Dybas vermutet. „Immer mehr Mütter nehmen zur Kenntnis, dass American Football ein gefährliches Spiel ist“, sagt der Journalist, auf lange Sicht könne diese Gruppe die Autorität der Liga untergraben wie keine andere, denn: „Es gibt einen Unterschied zwischen kaputten Knien und dem plötzlichen Einsetzen einer Alzheimer-Erkrankung.“ Wenn es um die Gesundheit der eigenen Kinder geht, hört der Spaß verständlicherweise auf.

Auf die anhaltende Rassismusdebatte trifft das nur sehr bedingt zu. Schließlich erleben die USA gerade die Fortsetzung dessen, was Colin Kaepernick zu Beginn der vergangenen Saison in Gang gesetzt hat. Aus Protest gegen politische Verhältnisse und alltäglichen Rassismus weigert sich der ehemalige Quarterback seitdem beharrlich, bei der Intonation der Nationalhymne im Stadion aufzustehen – ein gewaltiger Affront in den USA.

Viele sehen darin den Grund dafür, dass Kaepernick im Sommer keinen neuen Verein gefunden hat, obwohl es sportlich deutlich schlechtere Kandidaten mit festem Job auf seiner Position gibt. „Ich glaube nicht, dass diese Kontroverse die Leute davon abhält, zu den Spielen zu gehen oder den Fernseher einzuschalten“, sagt Dybas, „im Gegenteil“. Traditionell-konservative Fans verfolgen das Geschehen auf der Suche nach Zerstreuung erst recht, weil sie genau wissen, was sie an Spieltagen erwartet: Americana at its best, pathetisch vorgetragene Hymnen, riesige Nationalfahnen und Düsenjets, die vor dem Kick-off über die Arenen donnern.

So gesehen müssen sich die NFL-Oberen nicht um die Zukunft ihres Produkts sorgen. Für die Saison 2017/18 rechnet die umsatzstärkste Liga der Welt mit Rekord-Einnahmen in Höhe von 14 Milliarden Dollar (11,8 Millionen Euro). Zum Vergleich: In der Fußball-Bundesliga sind in der vergangenen Spielzeit geradezu lächerliche 3,24 Milliarden Euro umgesetzt worden.

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