Sport : Amerika, wir haben ein Problem

Martin Hägele

Es muss eine verrückte Recherche gewesen sein. Das Management von NBC, jenem TV-Konzern, dem die Spiele in Wirklichkeit gehören, fahndete zusammen mit den journalistischen Spürhunden von "Sports Illustrated", jenem Magazin, das sich selbst als "die Bibel des US-Sports" bezeichnet, unter 250 Millionen Menschen nach jener Frau oder jenem Mann, der Amerikas Traum während der Spiele verkörpern sollte: Und sie fanden Apolo Anton Ohno.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Ein Name, der quer durch den Kontinent einzigartig war, auch wenn das gelobte Land mit der Sportart seines künstlich designierten Nationalhelden nicht viel anzufangen wusste. "Viele Leute haben heute zum ersten Mal Short Track im Fernsehen gesehen, und sie werden sagen, was für eine beknackte Sportart, denn unser Mann, und du warst klar der Beste, hat gar nicht gewonnen. Wie denkst du darüber, Apolo?" Die Uhren gingen schon auf Mitternacht am Samstagabend, und wie dieser Journalist aus Chicago fragten alle, und spätestens jetzt ging das Konzept der Traumfabrik NBC/Sports Illustrated auf. Der Star war geboren, und er nahm sofort Gestalt an.

Mit dem Rollstuhl war der 19-Jährige zur Siegerehrung gekarrt worden, auf zwei Krücken humpelte er die letzten paar Meter zum Podium des Interviewsaals. Ein dicker Verband ums Knie, das mit sechs Stichen genäht worden war. Einzige sichtbare Folgen jenes Massensturzes in der letzten Kurve des 1000 Meter-Rennens, als die vier Führenden im hektischen Finish kollidierten und der bis dahin Letzte an den gestürzten Favoriten vorbei zur Goldmedaille fuhr - die erste in der Wintersportgeschichte Australiens. Von den Opfern des Crashs rappelte sich Apolo Ohno als erster auf; und aus dieser Silbermedaille lässt sich eine noch viel bessere Geschichte stricken als die Karriere des "Teenager-Phänomens" (Sports Illustrated) an Stoff bislang hergegeben hat.

Nun stellt Apolos Vita mehr da als nur das soziale Rührstück vom armen Kind eines japanischen Einwanderers, in dessen Leben ursprünglich alles schief geht. Yuki Ohno, der Spross eines Tokioter Universitätsdirektors flieht vor den strengen Normen seiner Heimat, schneidet lieber Haare in Seattle. Lässt auch die Ehefrau in Japan zurück, schwängert eine 18-Jährige, die das Kind nicht will, und sofort nach der Geburt davonläuft.

Apolo wächst als Schlüsselkind auf, kommt mit Gangs und Crack, Sex and Crime in Kontakt, fast alle seiner Kumpels landen im Knast. Apolo aber wird für den Sport und zum Wohl der Vereinigten Staaten vor allen bösen Anfechtungen gerettet, weil ihn sein Vater immer wieder aufs Eis schickt. Die bisweilen seltsamen Erziehungsmethoden des Friseurmeisters Ohno erinnern in gewisser Weise an jene Pädagogik, nach welcher der Gebrauchtwarenhändler Peter Graf aus Brühl im Badischen sein Töchterlein Steffi zur weltbesten Tennisspielerin triezte.

Anders als Steffi aber ist der Eis-Skater Apolo auch zum Schauspieler geboren. Nun, da er seine Traumrolle als Amerikas Olympia-Liebling gefunden hat, spielt er sein Stück perfekt. Andere hätten wohl gejammert nach so viel Pech, schließlich hatte er in allen Rennen gezeigt, dass nur einer der Boss sein kann auf der Bahn. Apolo aber lachte, "das ist nun mal Short-Track, so ist unser Sport, deshalb hat doch die ganze Halle vor Begeisterung getobt". Apolo präsentiert seine Silbermedaille genauso wie den Sieger Steven Bradbury. Der Australier hat ihm in der Nacht zuvor noch eine e-mail geschickt, mit der Bitte, doch bitte "ein bisschen Werbung für mich" zu machen, falls sich in der Pressekonferenz der Sieger die Möglichkeit biete. Bradbury ist nicht nur Short-Tracker, sondern auch Schuhmacher von Beruf, seine Firma RBS fertigt Schlittschuhe, auch das Modell von Apolo Ohno.

Über den Sieg des Short-Track-Opas vom australischen Outback freut sich der neun Jahre jüngere Amerikaner offensichtlich, Neid scheint es in dieser exotischen Szene offenbar nicht zu geben. Auch der Sieger, der an diesem Tag soviel Glück wie noch nie in seinem Leben gehabt hat, und immer wieder den Kopf schütteln muss, findet letztendlich doch eine Rechtfertigung für die wunderbare Fügung. Er wolle die Goldmedaille als Belohnung seines Lebenswerks betrachten, sagt Bradbury. Auch als Preis für seine Leiden: Im September 2000 ist er nach einem Sturz in die Bande geknallt, ein Halswirbel war gebrochen, 1994 schlitzte ihm der Schlittschuh eines kanadischen Kollegen in Montreal ein Bein auf: "Vier von den sechs Litern Blut, die ich besitze, habe ich dabei verloren", erzählt er und bedankt sich noch einmal bei den Ärzten, die ihn vorm damals vorm Tod auf dem Eis gerettet haben: "Mit 111 Stichen".

Short Track ist kein Sport für Zimperliche. Und deshalb geht die Show des verrückten Apolo auch weiter. Er wird am Mittwoch und am Samstag wieder zurückkommen. Ein amerikanischer Held kennt keinen Schmerz, wenn er nur noch das Finale des Rührstücks abspulen muss. Einmal Silber besitzt er schon, weitere Medaillen werden folgen. Denn eines hat der beste Short-Tracker der Welt seinen Landsleuten noch erklärt: Noch nie habe er ein solch verrücktes Rennen erlebt wie am Samstag. Was nicht anderes heißt als: "Wenn es normal läuft, Leute, dann gewinne nur ich. Und ihr könnt schreien und toben und die Kulisse für diesen Amerika-Film spielen".

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