Sport : "Amerikaner aus Köln" wird 60

ULRICH KAISER

Martin Lauer und das "heroisierende Beiwerk" eines Rekordes VON ULRICH KAISER

An jenem Juli-Tag 1959 schrieb einer vom "Amerikaner aus Köln", und wie alle solche vergleichenden Bilder, stimmte es ein bißchen und auch wieder nicht.Der Martin Lauer war damals 22 Jahre alt und hatte in Zürich die 110 Meter Hürden in 13,2 Sekunden zurückgelegt - Weltrekord.Es war nicht so, daß dieser Lauer von heute auf morgen auf einmal da war: Den Europarekord hielt er längst - drei Jahre zuvor war er bei den Olympischen Spielen in Melbourne im Zehnkampf Fünfter geworden.Als Neunzehnjähriger! In einem Buch, das 1963 erschien, schrieb er: "Die nackte Tat allein genügt schon lange nicht mehr, einer sportlichen Leistung gerechten Glanz zu verleihen, sie tritt in den Hintergrund, und das heroisierende Beiwerk wird zum Wesentlichen.Allein dieser Umstand dünkt mir eine erhebliche Schmälerung der eigentlichen Rekordtat." Das könnte sich auf das Klischee von dem "Amerikaner aus Köln" beziehen: Einen vor Selbstbewußtsein strotzenden jungen Mann, der gar nicht daran dachte, den Mund vor Respektpersonen zu halten - der sein eigenes Trainingsprogramm "erfand" - der sich nicht um Beurteilungen oder Entscheidungen herumwand, sondern sie auch auf die Gefahr hin fällte, daß sie falsch sein könnten - der sein Studium durchzog bis zu den Examen - und der mit seinen Schallplatten sogar etwas mehr als nur die täglichen Brötchen verdiente.Es hatte so einen vorher nicht gegeben - und von jenen, die nachher kamen, fällt einem so schnell keiner ein.Olympiasieger ist er auch geworden - in der Sprintstaffel in Rom 1960, zusammen mit den längst vergessenen Cullmann und Mahlendorf sowie Armin Hary, dem 100-m-Gewinner.Die Anmerkung, daß die USA-Staffel damals disqualifiziert wurde, stinkt ihm nicht zu Unrecht: Die Deutschen liefen immerhin Weltrekord. Das "Heroisierende", von dem er nichts hielt, hat ihn nicht verschont.Eine schmutzige Spritze - das Bein, das die Ärzte amputieren wollten - ein Jahr im Krankenhaus: Das gehört zu seiner Legende, seinem Leben.Es gehört mehr dazu als die Arbeit an der seinerzeit neuen Atomtechnik, als die Einrichtung der Zeitmessung bei Olympia in München, als die Finanzberatung heute, als die journalistischen Betrachtungen.Der Martin Lauer hat nie etwas halb gemacht - das gilt auch dann, wenn sein Hang zum Perfektionisten den anderen hin und wieder auf die Nerven ging. Erinnerungen: Als wir in Tokio 1964 vor den Olympischen Spielen um die Häuser zogen als Reporterkollegen immer mit diesem schrecklichen Ohrwurm "die schönste Rose der Prärie".Oder ein paar Jahre später, als Martin Lauer ein paar Freunde wöchentlich einmal durch das Münchner Dante-Stadion jagte und ihnen zu erklären versuchte, was ein Bewegungsablauf ist.Manchmal geschah es, daß nebenan "richtige" Leichtathleten trainierten, für deren Bemühungen er oft nur Verachtung zeigte.War schon von dem Segler Lauer die Rede, der bei der Kieler Woche ordentliche Plazierungen erreichte? Er konnte auch hier das Faulenzen nicht ausstehen und schickte den Vorschotmann bei jedem Lüftlein ins Trapez.Er pendelt heute jede Woche zwischen dem Schreibtisch in Hamburg und dem Haus in der Nähe von Nürnberg, das er selbst entworfen hat - mit den Legosteinen der längst erwachsenen Kinder. Heute wird Martin Lauer sechzig Jahre alt.

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