Sport : An den Kopf geworfen

Marco Materazzi hat Zinedine Zidane im WM-Finale provoziert – Beleidigungen gehören schon lange zu den Umgangsformen im Fußball

Frank Bachner,Friedhard Teuffel

Berlin - Auch ein Lippenleser hat sich an diesem Fall versucht. Über die englische Zeitung „The Guardian“ verkündete er sein Ergebnis: „Ich wünsche dir und deiner Familie einen schrecklichen Tod.“ Das muss nicht die Wahrheit sein, es ist die wohl zehnte Version des Spruchs, den Marco Materazzi seinem Gegenspieler Zinedine Zidane im Finale der Fußball-WM nachgerufen haben soll. Materazzi selber sagte der „Gazzetta dello Sport“ nur: „Er war unverschämt, da habe ich ihn beleidigt.“ Nachdem er Zidane am Trikot gehalten habe, habe der ihm auf unverschämte Weise gesagt: „Wenn du mein Trikot willst, bekommst du es nachher.“ „Daraufhin“, sagte Materazzi, „habe ich Worte benutzt, die auf einem Fußballplatz ständig zu hören sind.“ Den Worten folgte Zidanes Kopfstoß gegen Materazzis Brust.

Zidane hat bisher noch nicht zur Aufklärung des Falles beigetragen. Sein Berater Alain Migliaccio sagte jedoch: „Bis jetzt hat Zidane mir nur mitgeteilt, dass Materazzi etwas sehr Ernstes zu ihm gesagt habe. Daraufhin sei in ihm etwas explodiert. Er wird sich aber erst in den nächsten Tagen dazu äußern.“ Das wäre ein spannendes Ereignis, zumal es eigentlich nicht üblich ist, dass Spieler ihre Wortgefechte öffentlich wiedergeben. „Es gibt eine Art Ehrenkodex. Nach dem Spiel sollte alles vergessen sein“, sagt Fredi Bobic, der als Stürmer für viele Vereine in der Bundesliga und auch in der Nationalmannschaft gespielt hat.

Den Gegner zu beleidigen, damit er die Nerven verliert und Fehler macht, gehört schon lange zu den Umgangsformen im Fußball. „Trash-Talk“ wird es auch genannt. „Man textet sich gegenseitig zu und versucht, zu provozieren, vor allem wenn man sieht, dass einer psychisch etwas labiler ist“, sagt Bobic. Wer beleidigt wird, beleidige entweder zurück oder gebe dem Gegner einen Tritt oder beim Kopfball einen Ellenbogenhieb mit. Die Beleidigungen richteten sich etwa gegen die Ehefrau, gegen die Mutter oder die Religion. „Wenn es gegen die Hautfarbe geht, wird es problematisch“, sagt Bobic.

Bei rassistischen Beleidigungen ist auch die Grenze für den Schiedsrichter überschritten. Im vergangenen Jahr zeigte der Däne Kim Milton Nielsen Anderlechts Stürmer Nenad Jestrovic in einem Champions-League-Spiel für eine rassistische Beleidigung die Rote Karte. Der Europäische Fußballverband sperrte den Serben daraufhin für drei Spiele. Auch der Weltverband Fifa fordert harte Strafen bei rassistischen Beleidigungen.

Ansonsten lassen die Schiedsrichter jedoch das Spiel meist laufen. „Wenn der Schiedsrichter die Regeln ganz streng auslegen würde, müsste er in jedem Spiel wegen verbaler Attacken Feldverweise aussprechen. Aber es ist einfach nicht üblich, Beleidigungen zu bestrafen“, sagt der langjährige Bundesliga-Schiedsrichter Hellmut Krug. Er selber habe in seiner Laufbahn keine einzige Gelbe oder Rote Karte für eine Beleidigung gezeigt.

Das liege einerseits daran, dass der Schiedsrichter auf dem Platz gar nicht alles mitbekomme: „Wenn er sich nur auf das Gerede der Spieler konzentrieren würde, dann würde ihm das wirklich Wichtige entgehen.“ Zum anderen fragt Krug: „Welcher Zuschauer im Stadion wollte schon etliche Gelbe und Rote Karten nach Wortgefechten der Spieler sehen, die den Spielfluss vollends zerstören würden?“ Auch Krug kann sich an eine lange Tradition der Beleidigungen erinnern. „Bei Stan Libuda beispielsweise, einem sehr sensiblen Spieler, wusste man, dass er schnell den Faden verliert, wenn man ihm verbal zusetzte.“

Ob überhaupt und in welchem Umfang Spieler zum Arsenal der Beleidigungen und Verunsicherungen greifen, hängt von vielen Faktoren ab. „Manche Spieler sind einfach so mit sich selbst beschäftigt, dass sie keine Kapazitäten haben, um den Gegner zu bearbeiten“, sagt Richard Golz, der als ehemaliger Bundesligatorwart des Hamburger SV und des SC Freiburg die Provokationen beim Strafraumgetümmel immer hautnah miterlebt hat. „Es hat auch einen sozialen Hintergrund“, sagt Golz, „manche Spieler sind so aufgewachsen, dass sie es nicht anders kennen, als Konflikte auf diese Weise zu regeln.“

Auch Zidane ist im sozialen Brennpunkt aufgewachsen, in der Vorstadt von Marseille. Umso mehr stellt sich die Frage, warum er auf Materazzis Provokation derart brutal reagiert hat, und das auch noch in seinem letzten Spiel. Offenbar hat sein Immunsystem gegen Beleidigungen auf einmal versagt.

Zidane wirkt sehr kontrolliert, er hatte allerdings schon vor dem WM-Finale 13 Rote Karten erhalten. Bereits als Jugendlicher hatte er Wutausbrüche, erzählen Weggefährten. Der junge Zidane putzte auf Rat eines Trainers die Kabinen und die Duschen des Jugendheims, um Demut zu lernen. „Jemand, der sehr kontrolliert auftritt, braucht dafür Willensstärke“, sagt der Stuttgarter Sportpsychologe Henry Markus. Aber diese Willensstärke koste viel Kraft. Kurz vor dem Ende des Finales ist Zidane wohl diese Kraft ausgegangen.

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