Sport : An der Grenze

Nach dem Angriff auf Schiedsrichter Herbert Fandel wird die Sicherheit in Stadien hinterfragt

Matthias Sander

Berlin - Herbert Fandel kann eine Menge vertragen. „Ich stecke das weg“, versichert der Schiedsrichter am Telefon. Er hat gerade eine Menge wegzustecken.

Herbert Fandel wurde am Samstagabend von einem Zuschauer tätlich angegriffen. Beim EM-Qualifikationsspiel in Kopenhagen zwischen Dänemark und Schweden rannte in der 89. Minute beim Stand von 3:3 ein betrunkener Anhänger der Dänen auf den deutschen Schiedsrichter zu. Der schickte sich gerade an, dem dänischen Spieler Christian Poulsen die Rote Karte zu zeigen und auf Elfmeter für Schweden zu entscheiden. Poulsen hatte zuvor den Schweden Markus Rosenberg (Werder Bremen) im eigenen Strafraum mit einem Faustschlag niedergestreckt. Die Dänen protestierten, doch da kam der Betrunkene aufs Feld. „Ich habe nur eine fremde Person gesehen, die auf mich zukam“, erzählt Fandel. Einen harten Zusammenstoß verhinderten dänische Spieler, die den Fan wegschubsten.

Das Spiel dürfte nun 3:0 für Schweden gewertet werden; Dänemark wäre damit in der EM-Qualifikation fast chancenlos. Dem Randalierer drohen drei Monate Haft. Er war nach eigenen Angaben volltrunken und könne sich an nichts mehr erinnern. „Es war unbeschreiblich dumm von mir“, entschuldigte sich der 29 Jahre alte Mann am Montag in der schwedischen Tageszeitung „Aftonbladet“. Wie der Mann sich überhaupt betrunken im Stadion aufhalten konnte, ist unklar. Die Uefa verbietet betrunkenen Personen den Zutritt und untersagt den Verkauf von alkoholischen Getränken im und um das Stadion.

Die Konsequenz aus dem Angriff war für Fandel klar: Er brach das Spiel sofort ab. „Ich hatte von Anfang an auch nie den Gedanken, das Spiel wieder anzupfeifen“, sagt er. Mit seiner Entschlossenheit wollte Fandel ein Zeichen setzen: „Ich kann nicht von jungen Kollegen erwarten, dass sie bei solchen Vorfällen Spiele in unteren Ligen abbrechen, wenn ich es selbst nicht tue.“ Fandel erfuhr Unterstützung von den beteiligten Teams. Der Chef des DFB-Schiedsrichterausschusses Volker Roth machte Fandel nach dem Spiel telefonisch Mut.

Nach Roths Erfahrung gibt es gewalttätige Übergriffe bei EM-Qualifikationsspielen „außerordentlich selten“. Aber auch andere prominente Schiedsrichter bekamen in der Vergangenheit die Wut aufgebrachter Fans zu spüren. Urs Meier erhielt nach der Aberkennung eines Tores der Engländer gegen Portugal bei der EM 2004 zahlreiche Morddrohungen von englischen Fans. Das gleiche Schicksal ereilte Anders Frisk, nachdem Chelseas Trainer José Mourinho hinter einem Platzverweis gegen seinen Spieler Drogba eine Absprache des Schiedsrichters mit Barcelonas Trainer Rijkaard vermutet hatte.

In den unteren Ligen sind Übergriffe und Beleidigungen gegen Schiedsrichter viel häufiger der Fall, weiß Roth: „Bei 100 Zuschauern ist das viel schlimmer als bei 60 000, da hört man ja jeden Einzelnen.“ Deshalb stellt der DFB jungen Schiedsrichtern am Anfang sogenannte Paten zur Seite. „Die sind bei den ersten vier, fünf Spielen dabei und bereiten die Kollegen auf Kritik vor“, berichtet Roth. Das richtige Verhalten bei Übergriffen wird den DFB-Schiedsrichtern allerdings nicht beigebracht. „Wie soll man Schiedsrichter auf so etwas auch vorbereiten?“, fragt Fandel.

Obwohl es im Kopenhagener Stadion Parken keine hohen Barrieren zwischen Spielfeld und Zuschauerrängen gibt, spricht sich Fandel nicht für eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen aus. „Ich möchte, dass die Menschen frei im Stadion sitzen“, sagt der Angegriffene. Damit liegt er auf einer Linie mit dem europäischen Fußballverband Uefa. Wie der Weltverband Fifa hat auch er Anforderungskataloge zur Sicherung der Spielfelder erarbeitet. Die „Präsenz von Sicherheitspersonal“ wird darin gefordert, ansonsten müsse es Gräben oder erhöhte Tribünen geben, die „ein Betreten der Spielfläche unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich machen“.

Ausdrücklich fördert die Uefa den schrittweisen Abbau von Sicherheitszäunen und Hindernissen, um eine „sittlichere und angenehmere Atmosphäre“ zu schaffen. Nach Angaben von Uefa-Sprecher William Gaillard wägt der Verband zwischen kollektiver und individueller Sicherheit ab. „Wir entscheiden uns dabei immer für die kollektive Sicherheit“, sagt Gaillard. Dass eine Person auf den Platz laufe, „kann schon mal vorkommen“. Schlimm sei, dass der Fan bis zum Schiedsrichter vorgedrungen sei.

Dass jemand wie in Kopenhagen auf den Platz stürmt, wird also auch künftig passieren. So wie am Sonntag in der niederländischen Liga. Beim Stand von 3:0 für den Gast aus Arnheim beendete Schiedsrichter Ruud Bossen die Partie in Den Haag. Mehrere Hundert Zuschauer hatten das Spielfeld gestürmt.

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