Sport : An der Leine

Nach Schmähkritik an der Konzernführung gibt sich Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff nun kleinlaut.

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Singapur - In der ersten Hälfte dieser Saison war es kaum möglich, durchs Fahrerlager in der Formel 1 zu gehen, ohne auf einen zu stoßen, der sich dort gerne präsentierte. Groß, gutaussehend, seinen Wiener Charme spielen lassend, seine neue Position bei Mercedes sichtlich genießend – so bewegte sich Toto Wolff seit Melbourne durch die Welt der Formel 1. Umschwärmt und auch von vielen gefeiert als das neue, sympathische Gesicht von Mercedes.

Wolff zelebrierte seinen Aufstieg aus den Niederungen als Teilhaber beim Williams-Team zu einem Weltkonzern. Der 41-Jährige, der als Finanzinvestor Millionen verdient hat, stellte bei seiner Vorstellung in Stuttgart damals den zweiten Neuzugang bei den Silbernen, den Aufsichtsratsvorsitzenden des Formel-1-Teams Niki Lauda, deutlich in den Schatten.

Und der neue Erfolg des Formel-1-Teams verschafft ihm zunächst Rückenwind. Auch wenn Insidern schon klar war, dass die bessere Form der Silberpfeile eher auf das Konto der kontinuierlichen Arbeit von Technikchef Ross Brawn und seiner Mannschaft in den vergangenen Jahren ging als auf das der neuen Führungsspitze. Aber Polepositions und Siege geben nun mal Selbstbewusstsein. Und Wolff war so selbstbewusst, kritische Kommentare anderer, langjähriger Formel-1-Chefs als puren Neid abzutun. Auch im fragwürdigen Konstrukt, dass Wolff weiterhin Aktien am Williams-Team hält, und angesichts damit zusammenhängender Fragen nach der Einhaltung von Compliance-Regeln bei Mercedes sah er „überhaupt keine Probleme“. Zwischendurch verunglimpfte er den Konkurrenten Red Bull als „Brausehersteller“. Selbst die leidige Affäre um den nicht ganz legalen Privatreifentest mit Pirelli in Barcelona überstand Wolff – dank gütiger Mithilfe des Automobil-Weltverbands Fia und milder Strafe ziemlich unbeschadet. Wolff profitierte davon, dass die Fia den Mercedes-Konzern nicht verärgern wollte, den die Formel 1 dringend braucht.

Doch seit einigen Wochen fällt im Fahrerlager auf, dass die Präsenz des Toto Wolff abgenommen hat. Hintergrund ist eine Affäre, die vor dem Rennen in Deutschland Gestalt annahm. Da war das Protokoll einer privaten Unterhaltung von Wolff mit dem ehemaligen F1-Teamchef Colin Kolles ans Tageslicht gekommen. Demnach hatte sich Wolff unter anderem über Lauda und auch die Daimler-Konzernführung teils beleidigend geäußert. Die Depesche machte so schnell die Runde, dass sich Formel-1- Boss Bernie Ecclestone mitten in der Nacht zum Eingreifen gezwungen sah. Auch intern riefen Wolffs Worte große Aufregung hervor. Dass Konzernchef Dieter Zetsche darüber wenig amüsiert war, war beim Großen Preis von Ungarn zu sehen. Da tauchte Jörg Howe an der Rennstrecke auf, der oberste Kommunikationschef bei Daimler. Er begleitete Wolff auf Schritt und Tritt, um neuerliche Entgleisungen zu verhindern.

Die Erziehungsmaßnahme hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Der sonst so strahlende Boss tritt plötzlich kaum noch in Erscheinung, und wenn, dann ziemlich zurückhaltend und vorsichtig. Die Wortführerschaft in der Abteilung Attacke, die Wolff zuvor selbst übernahm, überlässt er jetzt eher Niki Lauda. Ob nun freiwillig oder an die Leine gelegt – der smarte Herr Wolff ist zahm geworden. Karin Sturm

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