Sport : An der oberen Grenze

Die Zahl der Länderspiele wächst immer weiter – dagegen regt sich leiser Widerstand in der Bundesliga

Michael Rosentritt,Christian Tretbar

Joachim Löw staunte nicht schlecht, als er jüngst den Kader für die beiden Länderspiele gegen Irland und San Marino zusammenstellte. „Da ist mir erst aufgefallen, wie viele Berufungen da einige unserer jungen Spieler haben“, sagte der Bundestrainer. Lukas Podolski etwa, gerade mal 21 Jahre alt, sollte gestern Abend in San Marino sein 35. Auswahlspiel für Deutschland bestreiten. Oder Bastian Schweinsteiger (22 Jahre), der gegen die kleine Republik zum 38. Mal im Dress des dreifachen Weltmeisters auflaufen sollte. Die beiden Spieler von Bayern München sind gerade einmal zwei Jahre dabei im Kreis der Auswahlspieler, haben aber schon Legenden wie Helmut Haller (33 Einsätze zwischen 1958 und 1970) und Günter Netzer (37 Einsätze zwischen 1965 und 1975) hinter sich gelassen.

Für Joachim Löw gibt es dafür zwei Erklärungen. „Das spricht erst einmal für die Qualität dieser Spieler, dass sie schon in jungen Jahren auf diesem Niveau spielen können“, sagte Löw. Aber natürlich gebe es auch heute mehr Länderspiele als noch vor beispielsweise 30 Jahren. „Wir hatten zwar zwei Jahre lang keine Qualifikationsspiele, aber dafür den Confed-Cup, die Asienreise und die Weltmeisterschaft“, sagte Schweinsteiger. „Und ich hatte das Glück, dass ich nie verletzt und deshalb immer dabei war.“

Seit dem Sommer 2004, dem Beginn der Ära Jürgen Klinsmann, bestritt die deutsche Nationalmannschaft, ohne dass sie in die Qualifikation für die WM im eigenen Land musste, 34 Länderspiele. „Wir mussten viele Testspiele bestreiten, um die junge Mannschaft zu entwickeln“, sagte Löw. Aber die Asienreise im Dezember 2004 hatte in der Bundesliga auch viel Kritik hervorgerufen. „Die EM hat gezeigt, dass wir an der oberen Grenze angekommen sind. Ich halte die Asienreise der deutschen Mannschaft im Winter nicht für notwendig. Dann sind wieder die Spieler, die jetzt nur drei Wochen Urlaub hatten, betroffen“, hatte gleich nach der EM 2004 in Portugal Bayern-Trainer Felix Magath gesagt.

Ein erster Kompromiss, den die Liga dem Deutschen Fußball-Bund abrang, war der Verzicht auf eine zehntägige Südamerikareise, die Klinsmann im Dezember 2005 geplant hatte. Da die Überlastung der Nationalspieler kein rein deutsches Problem darstellt, hatte sogar der Weltfußballverband (Fifa) reagiert. So hatte die Fifa etwa das Saisonende in den internationalen Ligen bereits im Januar 2006 vom eigentlich geplanten 26. Mai auf den 15. Mai vorverlegt. „Wir wollen keine müden Stars wie bei der WM 2002“, hatte Fifa-Sprecher Andreas Herren gesagt.

Wilfried Kindermann, jahrelang Internist der deutschen Fußballnationalmannschaft, hat mehrfach die hohe Belastung für die Nationalspieler beklagt. „Man kann mit gesundem Menschenverstand sagen: Die Spieler sind überfordert, überspielt, es ist einfach zu viel, wir müssen den Terminkalender reduzieren.“

Auch kleinere Bundesligavereine wie Mainz 05 und Eintracht Frankfurt betrifft die Abstellung von Nationalspielern. Christian Heidel, der Mainzer Manager, fordert: „Der internationale Rahmenterminplan muss besser angepasst werden. Im europäischen Raum ist das kein Problem, aber sobald Spieler aus Asien oder Afrika abgestellt werden müssen, kann es schon allein wegen der längeren Entfernungen ein Problem werden.“ Er fragt sich, warum der Afrika-Cup beispielsweise im Winter ausgetragen werden müsse: „Das ist mitten in der Saison, und es wäre besser, wie bei Europa- und Weltmeisterschaften auch, den Afrika-Cup im Sommer auszutragen.“ Prinzipiell hält er sieben bis acht Länderspiele pro Jahr für unproblematisch.

Sein Kollege von der anderen Rhein-Seite, Heribert Bruchhagen, votiert für eine Reduzierung des Programms. „Die Anzahl der Länderspiele ist eindeutig zu hoch“, sagt der Vorstandsvorsitzende von Eintracht Frankfurt. Er vertrete dieselbe Position wie Bayern-Manager Uli Hoeneß. „Die Vereine bezahlen die Profis und müssen sie dann oft wochenlang für Nationalmannschaften abstellen und dann kommen die Spieler eventuell auch noch verletzt zurück, das kann nicht sein“, schimpft Bruchhagen. Der DFB sei ja bereit, so Bruchhagen, über neue Honorarmodelle nachzudenken, „aber uns hilft das nichts, weil wir zum Teil Spieler abstellen aus nicht-europäischen Ländern, und von diesen Verbänden bekommen wir nichts“. Bruchhagen verweist darauf, dass sich die Fifa für nationale Ligen mit 16 Vereinen ausspreche, „aber bloß, damit die Anzahl der Länderspiele weiter erhöht werden kann“. Er selbst würde lieber mit 20 Mannschaften in der Liga spielen, aber dafür die Zahl der Länderspiele reduzieren. „Ein Spiel wie San Marino – Deutschland mitten in der Saison macht doch keinen Sinn“, so der Vorstandsvorsitzende. Warum können diese kleinen Länder keine Vorqualifikation spielen, fragt Bruchhagen.

Für Jürgen Klopp, den Mainzer Trainer, ist der Leidtragende stets der Spieler: „Er hat kaum Entscheidungsmöglichkeiten und steht immer zwischen Verein und seinem Land.“ Die Spieler müssten nach ihrer Rückkehr in den Verein Trainingsrückstände alleine aufarbeiten. Klopp: „Deshalb ist die Situation für die Spieler oft schlimmer als für uns Trainer.“

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