Sport : An Erfahrung gewonnen

Kohlschreiber und Lisicki scheiden in Australien aus, schöpfen aber Hoffnung

Petra Philippsen[Melbourne]

Philipp Kohlschreiber kann es nicht fassen. Kopfschüttelnd blickt er hinüber zu seiner Box, doch auch sein Anhang hat keine Erklärung, warum an diesem Tag in der Margaret Court Arena alles gegen den 24-jährigen Augsburger läuft. Gerade hat er einen Spielzug geschickt vorbereitet, den Gegner weit aus dem Feld getrieben – er kann sich aussuchen, wo er den Ball versenkt. Doch er verzieht seine Rückhand. Auf seine beste Waffe ist kein Verlass, seine Quote mit 76 Fehlern wird am Ende des Spiels immens hoch sein. Und so gibt es nach dem Achtelfinale der Australian Open für Kohlschreiber keine Überraschung zu bejubeln, sondern nur eine Enttäuschung zu verarbeiten: Nach dreieinhalb Stunden hat Kohlschreiber 6:3, 6:7, 6:7 und 3:6 gegen den Finnen Jarkko Nieminen verloren.

Sein erstes Viertelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier war für Kohlschreiber zum Greifen nahe gewesen, doch der an Position 26 der Welt geführte Nieminen wusste dessen Schwächen kühl für sich zu nutzen. „Es ist bitter, ich habe ein Match aus der Hand gegeben, das ich hätte gewinnen müssen“, gestand Kohlschreiber. Dabei war ihm noch am Freitagabend einer der wichtigsten Siege seiner Karriere gelungen. In einem hochklassigen Fünfsatzmatch bezwang er den Weltranglistensechsten Andy Roddick und beeindruckte dabei mit einer nahezu fehlerfreien Leistung. 104 Gewinnbälle platzierte Kohlschreiber vor allem mit seiner Rückhand im Feld des US-Amerikaners und hielt dessen Rekord von 42 Assen sogar 32 entgegen. Das intensiv geführte Match zeigte deutlich die Stärken des „neuen Kohlschreibers“, wie er sich inzwischen selbst nennt. In hitzigen Situationen bewahrte er Ruhe, nahm die Flutlichtatmosphäre in der ausverkauften Rod Laver Arena als zusätzliche Motivation in sich auf, anstatt sich von ihr hemmen zu lassen, und bewies, dass er seine spielerischen Fähigkeiten im letzten Jahr weiter verbessert hat.

Doch ohne die Flutlichter, ohne das Adrenalin, ohne das Gefühl, dass man nichts zu verlieren hat und ein besonderer Moment in der Karriere bevorsteht, fiel es ihm schwer, diese außergewöhnliche Leistung noch einmal abzurufen. Er sei dennoch stolz darauf, was er in den letzten Wochen erreicht habe, den Sieg beim Turnier in Auckland eingeschlossen: „Ich habe hier gesehen, was mir alles möglich ist“, erklärte Kohlschreiber. „Das wird mir bei den nächsten Turnieren sicher einen Schub geben.“

Von den acht deutschen Frauen und ebenso vielen Männern im Hauptfeld hatten es nur Kohlschreiber und die Qualifikantin Sabine Lisicki ins Achtelfinale beziehungsweise in die dritte Runde geschafft. Gegen die Dänin Caroline Wozniacki verlor die Berliner Qualifikantin Lisicki aber 6:4, 4:6 und 3:6 und schied aus.

Die anderen Deutschen waren viel früher gescheitert – an starken Gegnern, Verletzungen oder eigener Formschwäche. Nur der Auftritt der beiden Hoffnungsträger in Australien machte etwas Mut auf Besserung, die besonders das deutsche Frauentennis nötig hat. Die 18-jährige Berlinerin Lisicki, die halbjährlich in der Akademie von Nick Bollettieri in Florida trainiert und dort auch zu selbstbewussten Selbsteinschätzungen animiert wird, könnte diese Rolle vielleicht übernehmen. „Ich will die Nummer eins werden“, hat Lisicki bereits angekündigt. Das Potenzial, um mit ihrer Aufschlagstärke und dem kraftvollen Grundlinienspiel eine erfolgreiche Spielerin zu werden, scheint sie zu haben. Ob es aber Sabine Lisicki bis an die Spitze schaffen kann, bleibt abzuwarten.

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