Sport : An Höhe gewonnen

Stabhochspringer Björn Otto erreicht die Spitze der deutschen Leichtathletik

Frank Bachner

Leipzig. Als er gerade seine dritte Flasche Bier öffnete, war Björn Otto zwei Sekunden allein. Der Dopingkontrolleur, der ihn beobachten sollte, war hinter einer Tür verschwunden. Aber Otto war nicht wirklich unbeobachtet. Journalisten umringten ihn, ein Radioreporter hielt ihm ein Mikrofon unter die Nase. Dann tauchte der Kontrolleur wieder auf – doch der tat nichts gegen den Alkoholkonsum. Otto musste einiges trinken, bevor er seine Dopingprobe abgeben konnte. Normalerweise wird er nach Wettkämpfen zur Dopingprobe ausgelost, diesmal war sie Pflicht für den 26-Jährigen. Sieger müssen sie automatisch abgeben.

Björn Otto von der LAV Uerdingen/Dormagen hatte gerade beim Hallen-Europacup der Leichtathleten in Leipzig den Wettbewerb im Stabhochsprung gewonnen, mit 5,70 Meter. Nur zwei Zentimeter unter seiner Bestleistung. Er wollte dann auch noch 5,75 m überqueren, „aber dafür war ich zu übermotiviert“. Die 5,70 m reichen doch auch, zumindest für so einen Satz: „Jetzt zähle ich bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften zu den Favoriten.“ Zwei Meter weiter stand sein Trainer. Und Jörn Elberding sagt grinsend: „Favorit? Mal sehen.“ Er ist halt gerade ziemlich euphorisch, der Siegspringer Otto.

Aber für die anderen Top-Springer in Deutschland ist er jetzt auf jeden Fall ein Problem. Die Stabhochspringer sind eigentlich lockere Typen, sie trinken mal gern ein Bier zusammen. Aber sind auch Rivalen. Mit Otto haben sie jetzt einen Rivalen mehr, den sie beobachten müssen. Dabei sind sie schon so viele.

Vier Springer haben 2003 die WM-Norm geschafft: Tim Lobinger, Richard Spiegelburg, Lars Börgeling und Otto. Drei durften in Paris nur springen. Der vierte war Otto. Michael Stolle und Danny Ecker konnten 2003 erst gar nicht ums WM-Ticket kämpfen. Sie waren verletzt. Aber sie alle haben Otto gratuliert, als der Ende Januar in Cottbus schon mal 5,70 m sprang und sich an die Spitze der deutschen Jahres-Bestenliste hievte. Damit sicherte er sich den Start in Leipzig. „Aber einige hat meine Leistung schon gewurmt. Sie wären selber gerne höher gesprungen", sagt Otto. 5,70 m ist natürlich international noch kein Spitzenwert. Aber Otto weiß, dass mehr drin ist. Und die anderen ahnen es. „Seit er für den Europacup nominiert ist, tritt er im Training viel selbstbewusster auf“, sagt Elberding. „Von seinem Potenzial her kann er sechs Meter springen.“

Wegen seines Rückens hätte er vor zwei Jahren gar nicht mehr springen dürfen. Das hat ihm ein Arzt mitgeteilt. „Hör auf mit dem Sport“, hatte der Mediziner gesagt. „Du riskierst eine Wirbelsäulenversteifung.“ Diagnose des Mediziners: Morbus Scheuermann, eine Wirbelsäulenverletzung. Otto war geschockt. Eine Zeit lang hatte er sich „fast damit abgefunden, aufhören zu müssen“. Aber dann ging er zu weiteren Ärzten. Zwei von ihnen rieten ebenfalls zum Karriereende, zwei andere sagten: „Es wird durch das Springen nicht schlechter.“ Das wollte der Springer hören. Er versuchte es mit weiteren Sprüngen, „und die Schmerzen hielten sich in Grenzen“. Sie sind ständig da, aber er kommt mit ihnen klar, sagt er.

Otto trainiert jetzt sogar pro Woche zwei Einheiten mehr als früher. „Er konzentriert sich mehr auf den Sport“, sagt Elberding. Früher habe Otto den harten Kampf gescheut. Diesen Kampf gegen die anderen. Gegen Ecker, den Gleichaltrigen, der immer einen Tick besser war als er, gegen Börgeling, den Jüngeren, der als Überflieger die Szene überraschte. Und Lobinger und Stolle waren sowieso weit weg. „Er hat sich da noch viel mehr aufs Studium konzentriert“, sagt Elberding. Jetzt hat der angehende Diplomnbiologe Otto zwei Freisemester genommen. Er will zu den Olympischen Spielen.

Am liebsten mit seinem Freund Stolle. Der ist zwar auch ein Rivale. Aber die beiden trainieren zusammen. Für Stolle erledigt Otto sogar Freundschaftsdienste. Er hat ihm gerade beim Umzug geholfen.

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