Sport : An ihm kommt fast keiner vorbei

Michael Greis gewinnt bei der Biathlon-WM Silber hinter Raphael Poiree

Helen Ruwald[Antholz]

Warten, Michael Greis konnte nur noch warten. Als Vierzehnter war er in Antholz an den Start gegangen, dann verfehlte er zwei von zwanzig Scheiben. Das bedeutete zwei Strafminuten, zuviel eigentlich für eine Medaille bei einer Biathlon-Weltmeisterschaft. Doch über die Loipe war Greis förmlich geflogen, keiner der übrigen 110 Biathleten war schneller. Nur wusste das Michael Greis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Er musste warten. Erst kam der Franzose Raphael Poiree ins Ziel und riss jubelnd die Arme hoch. Er war ohne Strafrunde geblieben und hatte 26,8 Sekunden Vorsprung vor Greis. Weshalb ihm Gold nicht mehr zu nehmen war. Was aber war mit Silber und Bronze? Greis wartete. Noch fehlten die hoch gehandelten Norweger, darunter der zweifache Weltmeister Ole Einar Björndalen mit der Startnummer 89. Schon beim ersten Schießen hatte dieser zwar dreimal das Ziel verfehlt, doch beim laufstarken Björndalen kann man nie sicher sein, dass er nicht drei Strafminuten gutmacht. Doch auch er holte den dreifachen Olympiasieger von Turin nicht mehr ein und landete auf Platz 32. Greis aber gewann Silber bei der Biathlon-Weltmeisterschaft über 20 Kilometer vor Michal Slesingr aus Tschechien.

Als das Ergebnis feststand, riss Bundestrainer Frank Ullrich den 30-Jährigen fast um. Vor Erleichterung. Die so enttäuschend in die WM gestarteten deutschen Männer haben im dritten Wettkampf die erste Medaille gewonnen. Ricco Groß wurde Neunter, Alexander Wolf, Andreas Birnbacher und Sven Fischer landeten auf den Rängen 13, 19 und 20.

„Anfangs habe ich gar nicht gemerkt, dass ich so schnell unterwegs bin, weil der vor mir gestartete Slesingr einfach nicht näherkam“, erzählte Greis, während er dem Endergebnis harrte. Doch der Tscheche lief ein ebenso überragendes Rennen wie der deutsche Sportler des Jahres. „Als ich an Ricco Groß und Kruglow vorbeifuhr, habe ich mich gewundert, wie leicht es ging. Die Techniker haben mir heute Granaten-Ski gezaubert“, sagte Greis.

Vielleicht wäre sogar mehr möglich gewesen, hätte Greis nicht stehend mit dem 19. Schuss den zweiten Fehler geschossen. „Das hat mich aufgeregt, ich habe zu schnell geschossen“, sagte er später. Nach Platz 19 im Sprint war Greis schon beim Verfolgungsrennen am Sonntag die drittschnellste Zeit gelaufen, hatte aber viermal danebengeschossen – und landete auf Platz zwölf. Gestern bestätigte der Allgäuer seine Klasse über die 20-Kilometer-Strecke. 2005 wurde er in Hochfilzen über diese Distanz WM-Zweiter, in Turin Olympiasieger. Als Gesamtweltcup-Führender ist er nach Südtirol gereist, verlor dort den Spitzenplatz aber an Björndalen, da die WM-Rennen zur Weltcupwertung zählen. Seit gestern liegt er nur noch zehn Punkte hinter dem Norweger.

Nach seinen drei Olympia-Siegen 2006 war viel auf Greis eingestürmt. Er konnte seinen Triumph nicht ganz so auskosten, wie er es sich erträumt hatte, „weil das Leben sofort weitergeht“. Viele Termine und Ehrungen folgten, die Greis einerseits freuten, ihm andererseits aber verdeutlichten, dass er „nicht frei“ war. Eine Rucksacktour durch Vietnam ließ ihn Abstand gewinnen zu Gold und Geld.

In der neuen Saison bestätigte er sofort seine starken Leistungen vom Jahresbeginn: In den ersten acht Saisonrennen belegte Greis einen ersten, zwei zweite und zwei dritte Plätze, ehe er nach leichter Krankheit ein Leistungstief durchmachte. In den sechs Wettkämpfen vor der Weltmeisterschaft reihte er sich irgendwo zwischen Platz 9 und 30 ein. Dennoch reiste er sehr selbstbewusst zur Weltmeisterschaft nach Antholz. „Ich muss nicht auf große Schnitzer von Björndalen hoffen, um konkurrenzfähig zu sein“, sagte er. Gestern zeigte sich, dass er Recht hatte.

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