Sport : An Talent fehlt es nicht

Maria Riesch ist jetzt die große Ski-Hoffnung der Deutschen

Frank Bachner

Berlin. Ein Reporter des Bayerischen Rundfunks führte Maria Riesch zum Dachgarten. Dort haben die Fernsehleute ein Studio aufgebaut. Eine praktische Lösung. Der Dachgarten gehört zum Hotel „Crystal“ in St. Moritz, und in dem wohnen Skirennläufer und Journalisten gemeinsam. Beide Gruppen haben kurze Wege. In dem Fernsehstudio würden sie natürlich am liebsten Sieger oder Medaillengewinner präsentieren, aber bis jetzt erklärten Trainer und Athleten nur, weshalb Deutschland bei der Ski-WM immer noch keine Medaille gewonnen hat. Lauter enttäuschte oder griesgrämige Gesichter, schlecht für die Optik. So gesehen war Maria Riesch am Montagabend im „Blickpunkt Sport“ des Bayerischen Rundfunks ein Lichtblick. Eine gut gelaunte 18-Jährige, die Platz fünf in der Kombination wie eine Art Sieg verkaufte. Das geht problemlos, wenn man die beste deutsche Kombiniererin war. Besser noch als Martina Ertl, die Weltmeisterin von 2001, die Sechste der WM 2003, und wenn man zum ersten Mal bei einer Ski-WM dabei ist.

Natürlich hat sie sich auch eingeredet, dass sie bei dieser WM unbekümmert starten kann, weil doch jeder auf die Stars Ertl oder Hilde Gerg achtet. Maria Riesch hat da einiges ausgeblendet. Zum Beispiel, dass Wolfgang Maier, der deutsche Chefcoach, über sie sagt: „Sie ist unser bestes Talent. Sie ist auf dem Weg, Hilde Gerg zu ersetzen.“ Eine Frau mit Zukunft also. Maria Riesch hatte in Wirklichkeit nur eine Schonfrist von ungewisser Dauer. Der Schatten von Gerg und Ertl bot ihr so lange Schutz, wie die Stars gut fahren würden. Sie fuhren schlecht, und deshalb wird jetzt Maria Riesch ausgeleuchtet. Erster Weltcup-Start mit 16 Jahren, dabei im Super-G mit Startnummer 60 gleich auf Platz 20 gefahren, zweimalige Junioren-Weltmeisterin, in dieser Saison Kombinationsdritte in Lenzerheide.

„Ich empfinde keinen Druck durch die Erwartungen“, sagt Riesch. Auf jeden Fall ist sie ziemlich robust. Heftig geweint aus sportlichen Gründen hat sie zuletzt als 15-Jährige. Da verfehlte Riesch beim Deutschen Schülercup den Sieg im Riesenslalom um vier Hundertstelsekunden. Beim Training in Sölden im Vorjahr überschlug sie sich fünfmal, spaltete ihre Ski und fuhr am nächsten Tag weiter. In Lake Louise, im Dezember 2002, ein erneuter Sturz, wieder im Training, am nächsten Tag wurde die Allrounderin Elfte. „Maria ist ehrgeizig und hat keine Angst“, sagt Wolfgang Maier, der Cheftrainer.

Maier kümmert sich sehr um die Gymnasiastin, sie wohnt bei seiner Familie in Bischofswiesen bei Berchtesgaden. Zum neuen Schuljahr 2002/2003 zog sie auf Maiers Rat hin weg von Garmisch-Partenkirchen und weg von ihrem Elternhaus. Dieser Umzug hat viel damit zu tun, dass Maria Riesch weiterhin als Hoffnungsträgerin gelten darf. In Berchtesgaden geht sie aufs Christopherus-Gymnasium, eine Schule mit optimaler Betreuung von Wintersport-Talenten. In diesem Gymnasium durfte eine Biathletin mal kurzfristig morgens um sechs in der Wohnung eines Lehrers eine Klausur schreiben. Maria Rieschs Unterricht ist jetzt mit ihrem Trainingsplan abgestimmt..

In Garmisch-Partenkirchen ging so etwas nicht. Zwar durfte sie sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Auch das Gymnasium wollte die prominente Schülerin unbedingt halten. Aber Maria hatte Fehlzeiten wegen des Sports. Und ihre Biologielehrerin und ihr Physiklehrer sahen sie nur als Schülerin. In Biologie erhielt sie im vergangenen Schuljahr bei einer Halbjahresprüfung „null Punkte“, was einer Arbeitsverweigerung gleichkam. Ihr Physiklehrer schrieb ihr kurz vor Ende des Schuljahres, sie müsse nun ihre Halbjahresprüfung ablegen. Er ließ ihr drei Tage Zeit zum Lernen. Der Prüfungsstoff umfasste 70 Seiten.

Maria Riesch musste beide Semester nachholen. In Berchtesgaden ging das erfolgreich, die Lehrer kümmerten sich in Intensivkursen um die Rennläuferin. Die revanchierte sich bei der WM mit Platz fünf. Damit hatte sie ihr Ziel erreicht. „Ich wollte“, sagt die 18-Jährige, „in der Kombination unbedingt unter die ersten Sechs kommen.“

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