Analyse : Das Pferd als Werkzeug

Katja Reimann über den Doping-Skandal im olympischen Reitturnier.

Katja Reimann

Lars Nieberg hatte im ersten Moment Mühe, die Meldung zu glauben. „Ich war erschrocken und schockiert“, sagt der Springreiter, Mannschafts-Olympiasieger 1996 und 2000. Bei Cöster, dem Schimmel des deutschen Reiters Christian Ahlmann, wurden Spuren des verbotenen Wirkstoffs Capsaicin gefunden. Das Schmerzmittel fördert die Durchblutung und erzeugt auf der Haut ein Brennen, wenn es als Salbe aufgetragen wird. Damit steht Ahlmann unter Dopingverdacht. Und mit ihm drei weitere Reiter, deren Pferde ebenfalls Capsaicin-Spuren aufwiesen. Das hat Nieberg so erschreckt. Der 45-Jährige ist nicht in Peking, er reitet gerade in Deutschland bei einem Turnier.

Nieberg warnt allerdings vor voreiligen Urteilen. Noch sei nicht klar, ob Capsaicin als verbotene Medikation oder als Dopingmittel eingesetzt worden sei. Das klären nun Juristen. Fest steht aber, dass viel Capsaicin eingesetzt wurde. Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, sagt: „Capsaicin wird über die Haut nur schlecht aufgenommen. Wenn es trotzdem bei einem Pferd mit seinem großen Körper nachgewiesen wird, zeigt das, dass es hochdosiert eingesetzt wurde.“ Die Aussage des deutschen Mannschaftstierarztes Björn Nolting, Capsaicin sei „leicht flüchtig“, bezeichnete er als „kompletten Quatsch“. Capsaicin siede erst bei 210 Grad.

Sollte in Peking wirklich gedopt worden sein, dann ist das für Nieberg „sehr unfair“. Als Reiter habe man eine „unheimliche Verantwortung“ gegenüber dem Tier. Natürlich sei der Leistungsdruck hoch. „Aber deshalb muss man sich nicht zu so etwas hinreißen lassen.“

Niebergs Kollege Otto Becker kann sich „nicht vorstellen, dass Christian bewusst gedopt hat“. Becker war Mitglied der Equipe, die 2004 in Athen Mannschaftsgold gewann – und die Medaillen zurückgeben musste. Damals war Teammitglied Ludger Beerbaum disqualifiziert worden, weil er sein Pferd mit einer unangemeldeten Salbe behandelt hatte.

Im Reiten sei es sehr schwer, Medikation von Doping zu unterscheiden, sagt Becker. Ein Hustensaft, der dem Pferd helfe, müsse unter Umständen vor einem Turnier abgesetzt werden, da er unerlaubte Wirkstoffe enthalten könne. „Grundsätzlich versuchen wir alle, alles mit unseren Tierärzten abzusprechen“, sagte Becker. In der Springreiterszene sei Doping „ein Riesenthema“.

Aber wann beginnt Doping? Wann wird das Pferd zum hilflosen Werkzeug degradiert? Wenn das Pferd nicht mehr als Geschöpf gesehen wird, sagt Fachbuchautor und Pferdezüchter Elmar Pollmann-Schweckhorst. Die höchste Verantwortung habe ein Reiter gegenüber seinem Pferd, nicht gegenüber der Nation, für die er starte. In ein Pferd müsse man sich „reinfühlen“. Und mit besonders viel Gefühl müsse man beim Touchieren vorgehen. Dabei wird dem Pferd über dem Hindernis eine leichte Bambusstange an die Vorderbeine geklopft. So soll das Pferd lernen, höher zu springen. Eine übliche Trainingsmethode.

Paul Schockemöhle, der renommierte Springreiter, zeigte wenig Gefühl. Anfang der 90er Jahre wurde heimlich gefilmt, wie er seine Pferde im Training „barrte“ – er schlug über dem Hindernis schwere Stangen gegen die Beine.

Aber auch beim Dressurreiten gibt es fragwürdige Trainingsmethoden. Vor vier Jahren kam heraus, dass Spitzenreiterinnen wie Anky van Grunsven ihre Pferde besonders weit „aufrollen“. Dabei wird der Hals des Pferdes – gegen seine natürliche Haltung – so stark gebeugt, dass die Tiere mit den Schnauze die eigene Brust berühren. Damit soll eine Haltung geübt werden, die Kampfrichter sehen wollen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben