Analyse : So viele Schwimm-Weltrekorde - wie kann das gehen?

Unser Schwimm-Experte Frank Bachner über ein Phänomen dieser Spiele.

Peking 2008 - Schwimmen
Schneller als jede Erklärung. Michael Phelps.Foto: dpa

Wie ein brüllendes Gorillamännchen im Urwald, das seine ganze Kraft zeigt, so stand Michael Phelps hinter dem Startblock: Aus dem aufgerissenen Mund drang ein Urschrei, die Blicke transportierten ein grenzenloses Gefühl von Triumph und Selbstbewusstsein, die Arme hatte er weit ausgebreitet. So hatte man den Superstar der US-Schwimmer, den Mann, der Weltrekorde und Titel sammelt wie andere Briefmarken, noch nie gesehen. Und daneben standen drei andere US-Amerikaner, genauso brüllend, genauso euphorisch. Die 4x100-Meter-Freistil-Staffel hatte gerade in einem legendären Rennen noch Gold gewonnen, Schlussschwimmer Jason Lezak hatte auf den letzten Metern noch den Franzosen Alain Bernard, bis zu diesem Rennen Weltrekordhalter über 100 Meter Freistil, abgefangen.

Bei diesem dramatischen Finish ging fast unter, dass die USA mit 3:08,24 Minuten den Weltrekord um sagenhafte 3,99 Sekunden verbessert haben. Den Weltrekord, den sie erst einen Tag zuvor aufgestellt hatten. Es war einer der sieben Weltrekorde, die allein an den ersten beiden Finaltagen erzielt worden sind. Dazu kommen noch acht Europarekorde.

Und die bisherigen Weltrekordzeiten wurden ja förmlich pulverisiert. 3,99 Sekunden die US-Staffel, 1,41 Sekunden Michael Phelps über 400 Meter Lagen, 1,61 Sekunden die Australierin Stephanie Rice über 400 Meter Lagen. Das sind nur drei Beispiele. Wie ist das zu erklären? Selbst der US-Staffelcoach Eddie Reese sagte nach Lezaks Finish: „So etwas habe ich noch nie gesehen."

Man kann versuchen, das Ganze mit mehreren Faktoren zu erklären: Olympia ist eine ganz besondere Atmosphäre. Bei Olympischen Spielen wachsen Athleten über sich hinaus. Das ist eine altbekannte Tatsache, sie ist nicht bloß auf US-Amerikaner beschränkt. Bei den Olympischen Spielen 2004 war Lars Conrad aus Hannover, der Schlussschwimmer der deutschen Lagenstaffel, über 100 Meter Freistil schneller als Pieter van den Hoogenband, als der über 100 Meter Freistil Olympiasieger wurde.

Dann trainieren Athleten, speziell in den USA und Australien, aber mittlerweile auch in Großbritannien, extrem hart. Selbst Mittelstreckler absolvieren in der Woche 100 Trainingskilometer. Die deutsche Brustschwimmerin Anne Poleska, die seit neun Jahren in den USA trainiert, erklärte, sie sei nach diversen Trainingseinheiten so kaputt gewesen, dass sie die Füße kaum noch bewegen konnte. Deshalb trainieren ja viele Europäer auch in den USA.

Zudem sind alle Schwimmer, die in den USA trainieren, eine enorme Wettkampfhärte gewöhnt. Denn die Universitäten, für die sie starten, treffen ständig aufeinander. Im Fall Phelps kommt noch dazu, dass er ein außergewöhnliches Wassergefühl besitzt. Und durch sein eisenhartes Training ist er in der Lage, bis zum Schluss lange Tauchphasen durchzustehen. Phelps hat schon nach dem Startsprung nach 15 Metern eine höhere Geschwindigkeit als die meisten seiner Gegner. Und je länger Phelps im Rennen schwimmt, umso mehr wird er zum Phänomen. Denn er schafft es, auch bei der letzten Wende noch seine lange Tauchphase durchzuhalten. Andere müssen da aus Kraftmangel längst an die Oberfläche. Und Phelps hat unter Wasser seinen Delphinkick zu einer echten Waffe perfektioniert. Mit diesem Kick nimmt er seinen Konkurrenten einen Meter nach der Wende ab.

Dazu kommt, dass im Schwimmen das Krafttraining neu definiert wurde. Gerade der Franzose Alain Bernard profitiert davon. Der Franzose verbesserte zweimal den Weltrekord über 100 Meter Freistil und wirkt wie ein Bodybuilder. Der Sprinter legte in acht Jahren 19 Kilogramm Muskelmasse zu. „Die Bedeutung von Kraft in der Trainingslehre nimmt zu", sagte der deutsche Bundestrainer Manfred Thiesmann dem „Spiegel". „Die Trainingswissenschaft ist noch nicht ausgeschöpft." Bei den Franzosen, fügt er hinzu, „ist was gelaufen, ich weiß nicht, was, ich unterstelle nichts".

Ein bedeutsamer Punkt ist zweifellos der neue Schwimmanzug von Speedo, der in diesem Jahr auf den Markt kam. Ob er physikalisch etwas bringt, ist umstritten. Dass er enorme Bedeutung für die Psyche hat, das ist unbestritten. Fast alle Weltrekorde in diesem Jahr wurden im Speedo-Schwimmanzug geschwommen. „Mental bringt dieser Anzug Vorteile", sagt Stefan Lurz, Ehemann und Trainer von Annika Lurz, der Vize-Weltmeisterin über 200 Meter Freistil. „Ein Sportler fühlt sich darin, als wäre er in einem Panzer. Fast unverwundbar. Beim Anzug geht’s einfach um die Psyche. Sobald die Sportler wissen, dass sie den neuen Anzug erhalten, schwimmen sie schon schneller. Verrückt, sie haben ihn ja noch gar nicht."

Annika Lurz benutzt den neuen Adidas-Anzug. Den entwickelte Adidas, nachdem die Konkurrenz in diesem Anzug ganze Topzeiten geschwommen war. Der Adidas-Anzug soll angeblich das gleiche Selbstwertgefühl vermitteln wie der von Speedo. Aber für Annika Lurz war es im Vorlauf über 200 Meter Freistil egal, in welchem Anzug sie schwamm. Sie kam mit indiskutablen 1:59,98 Minuten im Vorlauf nur auf Rang 22, damit verpasste sie klar das Halbfinale. Und das lag eher an ihrer Psyche, aber bestimmt nicht am Anzug.

Und doch bleibt bei den Erklärungsmustern der ganzen Weltrekorde ein schwarzes Loch. Denn diese Leistungssprünge sind schon außergewöhnlich. Immerhin pulverisiert ja ein Michael Phelps seine eigenen Ausnahmeweltrekorde, die ihn ohnehin schon um Welten von der Konkurrenz trennen. Im Schwimmen gelten auf kürzeren Strecken teilweise schon Verbesserungen von einer halben Sekunde als enormer Fortschritt, vor allem, wenn ein Athlet schon älter ist.

Horst Melzer, der Trainer des früheren Brust-Weltrekordlers Mark Warnecke und des Lagen-Spezialisten Christian Keller, steht in einem Punkt vor einem Rätsel: „Solche Weltrekorde kann man ja nur schwimmen, wenn der Körper ausgeruht ist. Aber einer wie Phelps schwimmt ja in Peking ständig Weltrekorde, der hat ja bei seinem Programm gar keine Pause. Wie regeneriert der sich?" Dieser Punkt, sagt er, „ist für mich ein Phänomen." Melzer, der Weltklassetrainer, der auch Anne Poleska, die Olympiadritte von 2004 über 200 Meter Brust, mal betreute, gibt an diesem Punkt klein bei: „Ein normaler Trainer kann das nicht mehr erklären. Solche Entwicklungen kann nur noch ein Mediziner oder Physiologe erklären." Mit Trainingslehren jedenfalls kann er diese Sprünge nicht begründen. Er sagt bloß: „Wenn die Trainingslehre über Nacht nicht völlig verändert wurde, dann müssen die Trainer der erfolgreichen Sportler andere Komponenten haben."

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