Analyse : Tunnelblick und Panzer

Unser Schwimm-Experte Frank Bachner analysiert die Gründe für Britta Steffens Erfolg.

Frank Bachner
Peking 2008 - Schwimmen
Total konzentriert. Britta Steffen bereitet sich vor.Foto: dpa

Ian Thorpe, der fünfmalige Olympiasieger aus Australien, hatte ihr noch einen Satz aufgeschrieben. Irgendjemand steckte den Zettel Britta Steffen zu, kurz vor dem Finale über 100 Meter Freistil, früh genug noch, dass sie nicht in der Endphase ihrer Konzentration war, in der sie nichts mehr an sich herankommen lässt. „Nichts ist unmöglich", hatte Thorpe, die Schwimm-Legende notiert.

Kurz darauf wurde Britta Steffen Olympiasiegerin.

Nichts ist unmöglich, jetzt nicht mehr. Nicht mehr, seit Britta Steffen aus Berlin sich als Siegertyp angenommen hat. Dieses Gold verdankt sie dem beinharten Training ihres Coachs Norbert Warnatzsch, dieses Gold verdankt sie aber auch Friederike Janofske, einer netten, ruhigen Psychologin aus Berlin, die ihr beibrachte, dass ein schlechtes Rennen nicht gleich eine persönliche Niederlage bedeutet. Von solchen Versagensängsten war Britta Steffen erfüllt, als sie 2004 ihre Karriere beendete. Sie hatte dem Druck nicht standgehalten, ständig als neue Franziska van Almsick verkauft zu werden.

Aber das neue Leben ohne Sport gefiel ihr auch nicht. Sie ging zurück zu ihrem Trainer Warnatzsch, sie wollte wieder einsteigen. O.k, sagte Warnatzsch, aber er gab ihr zugleich die Adresse von Friederike Janofske. „Ich habe am Menschsein gearbeitet", hat Britta Steffen mal gesagt. Das war aber nur die Grundlage. Das ermöglichte Britta Steffen, dass sie psychische Belastungen besser ertragen kann. Aber das allein reichte nicht, um sie widerstandsfähig genug zu machen, um den Druck auszuhalten, der bei Olympischen Spielen besteht, wenn jeder von einem offen oder versteckt Gold erwartet.

Janofske, die schon Franziska van Almsick betreute, hatte der 24-jährigen Steffen vor allem beigebracht, wie die sich auf einen Tunnelblick zurückziehen kann. Fokussiert nur auf dieses Rennen, als hätte sie einen Panzer um sich, an dem alles abprallt.

Man konnte diesen Panzer schon im April sehen, man konnte ahnen, wie dick und effektiv er ist. Damals, bei der Olympia-Qualifikation in Berlin, hatte sie erklärt, dass sie in Peking nicht in der 4-x-200-Meter Freistil-Staffel schwimmen werde. Das sei ihr einfach zu viel. Ein paar Teamkolleginnen kritisierten sie hart. Und Steffen litt unter den Kommentaren, sie litt in einer entscheidenden Phase, kurz vor ihrem wichtigsten Rennen, den 100 Meter Freistil. „Die vielen Anfeindungen hat sie nicht einfach weggesteckt", sagte Warnatzsch damals.

Ein paar Stunden später schwamm Steffen Europarekord über 100 Meter Freistil.

Das ist diese unglaubliche Konzentrationsfähigkeit. Steffen ist so sensibel wie ihre Teamkolleginnen, aber sie kann sich im entscheidenden Moment im Höchstmaß aufs Wesentliche konzentrieren. Das ist der Unterschied zu den anderen. Regine Eichhorn, Steffens Managerin, hatte erkannt, wie sehr die 24-Jährige litt, sie tröstete sie, sie baute sie auf. Aber sie war nicht unruhig. „Ich wusste, dass sie schnell schwimmen würde, ich wusste nur nicht, wie schnell." So schnell wie niemand zuvor jemals in Europa.

Janofske ist in Peking direkt am Team, bei den Olympischen Spielen 2004 musste sie noch abgeschnitten im Hotel auf van Almsick warten. Zu Steffen sagte sie gestern: „Jede Situation benötigt eine andere Methode. Wenn man mit Glaubenssätzen arbeitet, ist die kognitive Methodik am besten. Wenn es mit unbewussten Ängsten zu tun hat, ist es gut, tief ins Unbewusste zu gehen. Das macht die Britta für sich allein, sie hat unendlich viel für sich gelernt und kann es für sich selber anwenden." Örjan Madsen, der deutsche Cheftrainer, sagt über die Psychologin fast hochachtungsvoll: „Ohne sie hätte Britta das nicht geschafft."

Es gibt viele Entwicklungsschritte bei Steffen. Einer davon war der Moment, als sie die Patenschaft für ein mongolisches Waisenkind übernahm. „Ich habe es gemacht, weil ich erkannt habe, was wirklich wichtig ist", sagte sie. Da arbeitete sie erst ein paar Monate mit Janofske. Bei der EM 2006 war sie schon stark genug, um Weltrekord zu schwimmen. Aber sie war nicht stark genug, die Rolle einer Selbstbewussten zu spielen. Direkt nach dem Rennen, noch mit nassen Haaren, stand sie vor den Journalisten. Ihre Augen hatte sie aufgerissen, die Worte stammelte sie heraus. „Wahnsinn", sagte sie, „ich bin fassungslos". Doch plötzlich, wie auf Knopfdruck, wurden die Blicke konzentriert und die Stimme ernst. Dann sagte sie: „Ich habe all die Menschen, die etwas von mir erwarten, nicht enttäuscht."

In Peking ging sie auf den Block und dachte: „Mensch, ich habe doch den Weltrekord gehabt, ich brauche nicht unbedingt Olympiasiegerin werden." Bei vielen wäre das ein reiner Spruch gewesen, gut für die Motivation. Bei Britta Steffen war es eine Botschaft an die eigene Vergangenheit.

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