Sport : Anarchie im Klub

Wimbledon wird dieser Tage zu einer bunten, rockigen Gartenparty – nicht jedem gefällt das.

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Foto: dapd

Als Phil Brooks, der Geschäftsführer des All England Clubs, am Tag nach dem Männerfinale von Wimbledon den Generalschlüssel an die Organisatoren der Londoner Spiele übergab, hatte er ein etwas mulmiges Gefühl. „Direkt nach dem Endspiel wurden unsere 500 Mitglieder sozusagen rausgeworfen“, sagte Brooks. Im wohl prestigeträchtigsten Tennisklub der Welt beharrt man strikt auf Traditionen und lebt in der Illusion, in diesem 17 Hektar großen Kosmos könne eine längst vergessene Zeit für immer konserviert werden: weiße Spielerkleidung, keine Werbetafeln und alles mit diesem gewissen, mondänen Flair. So kennt man es aus der 135-jährigen Turniergeschichte Wimbledons. Doch Brooks ahnte bei der Schlüsselübergabe wohl schon, dass sich die vorübergehenden Mieter in den kommenden Wochen nicht um die gepflegten Traditionen scheren würden. Brooks verließ das Gelände mit ähnlichen Befürchtungen, die Eltern vor der Urlaubsreise umtreiben, wenn sie ihren halbwüchsigen Kindern erstmals das Haus überlassen.

Die Traditionalisten unter den Klub- Mitgliedern taten gut daran, nicht so genau hinzuschauen. Denn ihre gediegene Gartenpartyatmosphäre hatte sich am Samstag schlagartig in eine Art Rockfestival verwandelt. Die Pet Shop Boys spielten am Samstag ein Überraschungskonzert. Das bunte Partyvolk ist in Wimbledon eingefallen, man könne meinen, es herrsche Anarchie an der Church Road. „Das ist doch einzigartig “, sagte die ehemalige Spielerin und heutige TV-Kommentatorin Annabel Croft, „es ist derselbe Ort, aber eben absolut nicht mehr Wimbledon.“ Schon auf dem Weg zur Anlage ist der Unterschied nicht zu übersehen. Es wird nicht mehr gezeltet im angrenzenden Wimbledon Park. Warum auch? Es gibt seit Monaten keine Tickets mehr.

Eine ganze Armada von rot-weißen Pollern und Warnschildern schlängelt sich nun die sonst so beschauliche Church Road hinauf, alle 50 Meter halten Sicherheitskräfte die Autos an, fragen immer wieder nach Passierscheinen und Zulassung. Die Straße ist an manchen Stellen aufgerissen worden, um mächtige Stahltore einzulassen, die den ganzen Komplex im Notfall abriegeln können. Damit der gar nicht erst eintritt, sind ein paar hundert Soldaten in Tarnanzügen aufmarschiert. Auf den Fußwegen bilden sich lange Staus, denn die Sicherheitskontrollen an den Eingängen des Klubs sind noch strenger als an Flughäfen.

In die Gerüche der neu aufgestellten Grill- und Burgerbuden mischen sich plötzlich die Big-Band-Klänge von „In the mood“. Neben Sponsorenlogos leuchtet vor allem an den Banden und Gebäuden die Olympiafarbe Malve, die sich mit der extrem bunten Spielerkleidung mitunter beißt, aber zu den verrückten Verkleidungen mancher Fans passt. Flaggen dürfen nun geschwenkt, die Lieblingsspieler lautstark angefeuert werden – von typischer Wimbledon-Etikette ist nichts mehr übrig. Hier regiert nun Olympia.

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