Sport : Andermatts Wunschzettel

Hartmut Scherzer

So lange, geschlagene vierzig Minuten hat Martin Andermatt in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt noch nie vor einem Spiel geredet. Die ungewöhnliche Länge des Referats auf der Pressekonferenz hatte weniger etwas mit der besonderen Lokalität auf dem Weihnachtsmarkt am Römer noch mit dem besonderen Pokalgegner Hertha BSC heute im Waldstadion zu tun, vielmehr mit der besonderen Situation seiner Mannschaft. "Gruselfußball", "Sauhaufen", "Trauerspiel", "Zum Heulen", "Jämmerliche Vorstellung" - mit diesem Vokabular hatten sich die Medien in Frankfurt, von der "Bild"-Zeitung bis zur "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", über die 1:2-Niederlage am vergangenen Sonntag gegen LR Ahlen empört.

Der Schweizer Trainer Martin Andermatt wollte nichts beschönigen und nichts rechtfertigen, sondern ging mit seiner Mannschaft ins Gericht: "Einige sind nicht bereit, in dieser Leistungsgesellschaft Leistung abzurufen, sondern babbeln nur, wie man hier sagt. Sie motzen rum und arbeiten nicht." Wohlgemerkt: Die meisten Frankfurter Zweitligaspieler werden wie Bundesligastars bezahlt. Zwei hoffnungsvolle Talente, Jermain Jones und Albert Streit, flogen dieser Tage aus dem Kader der Eintracht. Die beiden Youngster hatten sich zwei Tage vor dem Spiel gegen Ahlen bis morgens um drei Uhr in einer Diskothek vergnügt. Ihr Pech: Ein Eintracht-Fan hatte sie erkannt und auf der Internet-Homepage der Eintracht angeschwärzt.

Martin Andermatt hat aus dem Kader inzwischen aussortiert und ihn drastisch verkleinert, kann aber dennoch aus dem Vollen schöpfen. Der Österreicher Wimmer ("Der Trainer ist bei uns die ärmste Sau") ist nach seiner Verletzung ebenso wieder dabei wie der zuletzt gesperrte polnische Torjäger Kryszalowicz. Gegen Hertha will Martin Andermatt "Spieler mit Herzblut" bevorzugen, die bereit sind, sich nach zwei Niederlagen gegen Oberhausen und Ahlen "nach oben zu puschen".

Er spüre, wer sich der geforderten "Verantwortung bewusst ist, sich mit dem Ziel und der Situation der Eintracht und der Region zu identifizieren". Der Trainer meint den für den Verein lebenswichtigen Wiederaufstieg in die Erste Bundesliga und nicht unbedingt die nächste Pokalrunde. Der Pokal sei eine Abwechslung und es wäre schön, "sollten wir im Frühjahr noch dabei sein".

Die Chance sieht der Trainer in der eigenen Misere. "Ich kann mir vorstellen, dass die Eintracht nicht ernst genommen wird." Und wenn der Faktor Unterschätzung nicht wirkt, dann vielleicht eine Art doppelter Schweizer Schock. Das ist zumindest die Wunschvorstellung des Trainers aus Zürich, nachdem Hertha in der vergangenen Woche im Uefa-Cup bereits gegen Servette ausgeschieden war: Erst das Aus durch Genf im Europacup, dann durch Andermatt im DFB-Pokal. Die Frage ist nur, ob die Spieler der Frankfurter Eintracht da mitspielen.

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