Sport : Anderthalb Tage genießen

Der Hamburger SV hat sich erstaunlich entwickelt – und sieht sich erst am Anfang seines Weges zurück an die Spitze

Karsten Doneck[Hamburg]

Ihr Bewegungsdrang schien kein Ende zu nehmen. Sie wollten ihre Freude ausleben, also hüpften die Fußballprofis des Hamburger SV vor ihren Fans in der Nordkurve herum, in den Augen die Glückseligkeit kleiner Kinder. Die Fans sangen, klatschten und schrien dazu. Der überragende Spielmacher Rafael van der Vaart berief sich zwar später auf die Gesetze der Erdanziehungskraft, als er feststellte: „Wir müssen jetzt mit beiden Beinen fest auf dem Boden bleiben“, aber nach dem überzeugenden 2:0-Sieg über den FC Bayern München schien das Hüpfen und Springen der einzig angemessene Ersatz zu sein für das sonst obligatorische Auslaufen nach dem Spiel. Selbst Thomas Doll, der Trainer, dachte für einen Moment mal nicht an die Arbeit. „Wir genießen das Spiel jetzt für einen Tag“, verkündete er, um sogleich generös noch Verlängerung zu gewähren: „Meinetwegen auch für anderthalb Tage.“

Besondere Siege verdienen besondere Belohnung. In der Vergangenheit hat der HSV gegen die Bayern zumeist schlecht ausgesehen. 80 Begegnungen gab es zuvor zwischen beiden Klubs in der Bundesliga, ganze 14 Mal gingen die Hamburger als Sieger vom Platz. Und der HSV, dem nicht nur Hamburger Lokalreporter oft genug das Attribut „ruhmreich“ voranstellen, verschwand in der Tabelle häufiger mal in unendlicher Ferne zum meist voranschreitenden FC Bayern. Das 2:0 vom Samstag, das Rafael van der Vaart und Piotr Trochowski mit ihren Toren besiegelt hatten, weckt jetzt jedoch Begehrlichkeiten bei den Fans. Nur noch ein Punkt trennt den Tabellenzweiten HSV derzeit vom FC Bayern.

Auch in München beäugt man wachsam das Hoch im Norden. „Der HSV hat eine sehr gute Mannschaft beisammen und wird um die Meisterschaft mitspielen“, sagt Bayern-Manager Uli Hoeneß respektvoll. „Die haben geschickt eingekauft“, sagt Karl-Heinz Rummenigge vom Vorstand. „Der HSV hat gegen uns ein starkes Spiel gemacht. Er war aggressiver, er hat die Entscheidung gesucht“, lobte Trainer Felix Magath. Erwächst da wirklich ein Konkurrent für die Münchner im Kampf um die Meisterschaft?

Gegen die Bayern imponierte der HSV vor allem durch einen kaum zu brechenden Willen und durch Selbstbewusstsein. Und einige Spieler, die noch vor nicht allzu langer Zeit eher unter der Rubrik Mitläufer einzustufen waren, bringen plötzlich Leistungen, die sie zu Stützen in einer gut harmonierenden Elf machen. „Es ist erfreulich zu beobachten, welchen Weg die Spieler bei uns nehmen, dass sie sich immer noch weiter entwickeln“, sagt HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer.

Da ist zum Beispiel David Jarolim. Ein Renner, ein Kämpfer, technisch durchaus gewitzt, aber auch mit dem Hang, selbst nach leichten Berührungen des Gegners wie schwer getroffen zu Boden zu sinken. Ein Typ, der eher Bundesliga-Durchschnitt verkörpert. Spieler wie ihn gibt es dutzendfach. Dachte man. Sein Eifer koaliert inzwischen aber mit einer kaum für möglich gehaltenen Spielintelligenz. Öffnende Pässe, Tempowechsel, gekonnte Dribblings – das alles gelingt Jarolim inzwischen in beachtlicher Art und Weise, die ihn für die Mannschaft wertvoll, fast unverzichtbar macht.

In Hamburg hat der Sieg über die Bayern den Stellenwert des HSV weiter erhöht. Der Radiosender NDR 2 brachte am Abend nach dem Spiel in den stündlich verlesenen Nachrichten die Meldung vom Sieg über die Bayern stets als Allererstes – noch vor den Neuigkeiten über den Hurrikan Rita in den USA und über die Debatte um den künftigen Bundeskanzler. So viel Würdigung ist den HSV-Verantwortlichen dann doch etwas zu viel des Guten. Zumindest Dietmar Beiersdorfer bemüht sich um Versachlichung. „Wir stehen erst am Anfang unseres Weges“, betonte Beiersdorfer. „Bayern München ist uns noch ein gutes Stück voraus.“ Beim Sieg des HSV über die Münchner war davon freilich nichts zu merken. Während die HSV-Profis vor der Nordtribüne ihre wüsten Tänzchen aufführten, verschwanden die Bayern-Spieler geknickt in der Kabine. Thomas Doll würde dazu wahrscheinlich sein Standardspruch einfallen. Der lautet: „Das ist doch alles nur eine Momentaufnahme.“

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