• Andre Agassis Absage ist für die German Open in Hamburg diesmal nur ein kleiner Schock

Sport : Andre Agassis Absage ist für die German Open in Hamburg diesmal nur ein kleiner Schock

Jörg Allmeroth

Wenn in den vergangenen Tagen sein Telefon klingelte, reagierte Günter Sanders misstrauisch. Er kennt seine Pappenheimer: "Auf der Zielgeraden hat es immer Absagen gehagelt", sagt der Turnierdirektor der German Open der Herren, "manchmal war es zum Verzweifeln." Bis Freitagabend durfte Sanders auf Vollbeschäftigung aller Weltstars am Rothenbaum hoffen, dann machte ihm eine halbe Stunde vor Auslosungsbeginn ausgerechnet einer einen Strich durchs Kalkül, den er "doch sehr gern" in Hamburg gesehen hätte: Andre Agassi, der amtierende French-, US- und Australian-Open-Champion, der bis zum Wochenende führende Spieler im Champions Race der ATP-Tour - und ganz nebenbei ja auch noch der Freund von Steffi Graf.

"Ein kleiner Schock", natürlich, sagt Sanders, der auch gehofft hatte, dass Agassis Lebenspartnerin ihren Einfluss geltend machen könnte. Doch gemeinsam mit Fräulein Graf verließ Agassi Europa in Richtung Las Vegas, ohne Beweggründe für seine Abreise mitgeteilt zu haben. Die Spielerorganisation ATP stand belämmert da: Agassi hatte keinen der Funktionäre ins Vertrauen gezogen. Erst auf den letzten Drücker flatterte das Fax von Agassi Enterprises, dem Firmenimperium des Glatzköpfigen, in die DTB-Zentrale. "Ich frage mich, wie er jetzt noch erfolgreich seinen Titel in Paris verteidigen will", sagt Sanders, "ein einziges Sandplatz-Turnier reicht als Vorbereitung hinten und vorne nicht aus." Insider vermuten, es gebe eine Geheimverabredung zwischen Pete Sampras und Agassi, bei den außeramerikanischen Topturnieren der Masters-Series nicht im Doppelpack aufzutreten.

Da Sanders und seine German-Open-Crew bisher aber von weiteren dubiosen Rückzugspapieren verschont geblieben sind, kann der leidgeprüfte Turniermacher für die 2000er Auflage seines Events gleichwohl die "spektakulärste Tenniswoche seit Jahren" annoncieren. Da neben Agassi erwartungsgemäß nur der verletzte Nicolas Kiefer fehlen dürfte und damit 28 der 30 führenden Spieler im Champions Race an den Start gehen, verspricht sich Sanders den "absoluten Höhepunkt der deutschen Tenniswochen". Abgesehen von Agassi, steht dem Turnier am Rothenbaum mit dem erwarteten Aufmarsch von Spitzenkräften wie Sampras, Patrick Rafter oder Jewgeni Kafelnikow, dem Mitwirken von erfrischenden Youngstern wie Marat Safin, Juan Carlos Ferrero oder dem australischen Riesentalent Lleyton Hewitt sowie dem neuen Champions-Race-Anführer Magnus Norman wirklich eine klare Qualitätsoffensive bevor. Nach dem Termintausch mit dem Turnier in Rom gilt der Wettbewerb als ultimative Standortbestimmung vor den French Open in Paris.

"Optimal in Position gebracht" sieht Sanders die German Open, die auf Jahre hinaus auch die größte Einnahmequelle für den nicht mehr auf großem Fuß lebenden Verband sind. Bis zum Jahr 2009 schöpft der DTB etwa 140 Millionen Mark aus dem Vermarktungsvertrag, den die Firma ISL mit den neun Standorten der Masters-Serie und dem jeweiligen WM-Spielplatz abgeschlossen hat. Sanders möchte bei solchen Zahlen "allen auf die Schulter klopfen, die sich für den Bau der Centrecourt-Überdachung stark gemacht haben. Ohne das Dach", sagt der Turnierdirektor, "wären wir jetzt draußen aus dem Geschäft - und der DTB hätte finanziell gewaltige Probleme".

Und die deutschen Spieler? Da bleibt momentan nur Thomas Haas. Der bisher noch stets vom Auftritt in seiner Geburtsstadt inspirierte Jungstar ließ zuletzt einen zarten Aufwärtstrend erkennen, ohne schon wieder in die erste Liga des Welttennis vorstoßen zu können. Noch immer kämpfe er sich "mühsam aus dem Verletzungstief zurück", sagt Haas. Aber am Rothenbaum "werde ich alles geben, was ich kann. Für mich steht dieses Turnier ganz oben in meiner Liste". Das hört Günter Sanders gern.

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