André Lima : Der Un-Brasilianer

Herthas Neuer André Lima ist kein Ballzauberer. Aber wird der Brasilianer mit dem ungewohnt temporeichen und körperbetonten Spiel in Europa zurechtkommen?

Sven Goldmann
Lima Foto: ddp
Steht voll im Saft: André Lima. -Foto: ddp

BerlinBrasilien ist das Land der Ballstreichler und Zauberer. Herthas jüngste Neuerwerbung André Luiz Baretto Silva Lima ist anders. Sagt Dieter Hoeneß. „André ist ein klassischer Mittelstürmer“, erzählt der Manager von Hertha BSC und liefert gleich die Definition für einen klassischen Mittelstürmer: „Er geht dorthin, wo es weh tut. Er weiß, wo das Tor steht. Er spielt einfach und unkompliziert“, wahrscheinlich so wie jener Münchner, der im Februar 1984 beim 6:0 im Bundesligaspiel gegen Eintracht Braunschweig gleich fünf Tore in einer Halbzeit schoss, alle ganz einfach und unkompliziert aus kürzester Entfernung. Braunschweigs Trainer Aleksandar Ristic merkte später an: „Wäre das Spielfeld fünf Meter kürzer gewesen, hätten wir nur 0:1 verloren.“

Der fünffache Schütze von 1984 hieß Dieter Hoeneß.

Mit dem Toreschießen hat Hoeneß vor zwanzig Jahren aufgehört, heute kümmert er sich darum, erfolgreiche Torschützen für Hertha BSC zu rekrutieren (selten sind sie so erfolgreich, wie er selbst es einmal war). In jüngster Zeit kommen sie vermehrt aus Brasilien. Glücklose Gesellen wie Alex Alves und Luizao oder der schwer zu zähmende Paradiesvogel Marcelinho. André Lima ist der vorerst Letzte in dieser Reihe, ein Mann mit breitem Kreuz und kugelrunden Waden, die schnelle Sprints und kräftige Schüsse verheißen.

Am Sonntagabend ist Lima in Berlin eingetroffen. Der Montag ging drauf für den Medizincheck und die Unterzeichnung des Vierjahresvertrages, gestern hat Lima die ersten beiden Trainingseinheiten mit seiner neuen Mannschaft absolviert. Aus der Heimat sind ihm Herthas Mittelfeldspieler Mineiro und Lucio bestens bekannt. Gilberto, den dritten Landsmann, hat er am Dienstag auf dem Trainingsplatz kennen gelernt. Mineiro und Gilberto zählen zum Kader der brasilianischen Nationalmannschaft und werden laufend von Nationaltrainer Carlos Dunga beobachtet. Für Lima war das ein gutes Argument für Berlin und gegen das Angebot des spanischen Erstligisten Racing Santander.

Die Saison in Brasilien ist schon 21 Spieltage alt, Lima hat seinen Klub Botafogo mit zwölf Toren auf Platz drei der Tabelle geschossen. Brasilien ist das Land der Ballstreichler und Zauberer, aber weil die besten Profis schon seit Jahrzehnten ins Ausland abwandern, ist der sportliche Wert der heimischen Meisterschaft eher bescheiden. Es gibt ein Video beim Internetportal Youtube, das Lima bei einem spektakulären Fallrückziehertor zeigt. Sein Gegenspieler steht zehn Meter neben ihm. Der Torwart ist klein und gedrungen, Parallelen zwischen seinem Stil und einer fallenden Bahnschranke sind nicht von der Hand zu weisen.

Viele Brasilianer scheitern in Europa, weil sie mit dem ungewohnt temporeichen und körperbetonten Spiel nicht zurechtkommen. Auch André Lima hat sich vor zwei Jahren schon mal in Europa versucht. Das Experiment beim belgischen Erstligisten Germinal Beerschot endete nach sechs Spielen und einem Tor. „Familiäre Probleme“ führt er heute an, wenn er über die Zeit in Belgien spricht. Damals war er zwanzig und allein, diesmal kommen Frau und Tochter mit.

Lima ist fit, wenn er den Jetlag rechtzeitig überwindet, läuft er vielleicht am Samstag gegen Wolfsburg auf. Ganz unbefangen spricht er schon mal von Champions League und Uefa-Cup, was ein neues Licht wirft auf die von Hertha bisher nicht öffentlich definierten Saisonziele. „Abwarten“, sagt Dieter Hoeneß. „André hat in Berlin für vier Jahre unterschrieben, nicht nur für diese Saison.“

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