Andrea Eskau bei der Ski-WM : 20 Grad minus, vier Medaillen plus

Mit jetzt 20 WM-Titeln ist Andrea Eskau die derzeit wohl erfolgreichste deutsche Sportlerin. Insgesamt waren es dreimal Gold und einmal Bronze, die Eskau im Skilanglauf und Biathlon im Sitzschlitten in den vergangenen Tagen holte.

Lars Becker
Mal im Schlitten, mal im Handbike. Andrea Eskau ist sowohl bei den Paralympics im Winter als auch im Sommer erfolgreich.
Mal im Schlitten, mal im Handbike. Andrea Eskau ist sowohl bei den Paralympics im Winter als auch im Sommer erfolgreich.Foto:Imago

Amira Antar hat in den nächsten Tagen wieder eine besondere Aufgabe vor sich. Die Lebensgefährtin der querschnittsgelähmten Sportlerin Andrea Eskau muss einen Platz für die Medaillen finden, die ihre Freundin bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Cable/USA gewonnen hat. Insgesamt waren es dreimal Gold und einmal Bronze, die Eskau im Skilanglauf und Biathlon im Sitzschlitten in den vergangenen Tagen einkassierte. Sie hat damit schon 20 WM-Titel gewonnen – mit dem Handbike im Sommer und auf Skiern im Winter. Dazu fünf Goldmedaillen bei Sommer- und Winter-Paralympics.

„Meine Freundin legt die Medaillen immer weg, ich weiß gar nicht, wo die alle sind. Der Schrank ist jedenfalls voll“, sagt Eskau. Dafür hat die 43-Jährige in den vergangenen zwölf Monaten jede Menge getan. Erst gewann sie in Sotschi ihre ersten beiden Goldmedaillen bei den Winter-Paralympics. Es folgten zwei Triumphe im Sommer mit dem Handbike bei den Paracycling-Weltmeisterschaften und jetzt bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad im US-Bundesstaat Wisconsin drei weitere WM-Titel.

Andrea Eskau ist derzeit die wohl vielseitigste und erfolgreichste deutsche Sportlerin überhaupt. Dass sich das noch nicht so weit herumgesprochen hat, nimmt Eskau gelassen. Die seit einem Fahrradunfall 1998 querschnittsgelähmte Frau sieht lieber die positiven Veränderungen, seitdem sie 2003 in den Sport eingestiegen ist. Das Interesse an ihren Leistungen sei „größer geworden“, sogar im Fernsehen, wie jetzt in einem Halbstunden-Beitrag in der ARD von der WM, würde hin und wieder berichtet. „Es sind ja auch faszinierende Leistungen. Zum Beispiel wenn Läufer ohne Arme einen steilen Anstieg hochlaufen oder sich blinde Menschen so schnell durch die Loipe bewegen“, sagt sie.

Dabei war ihr Start aufgrund einer Ohrenentzündung gefährdet

Auch sie hat sich in ihrem mit Langlauf-Ski versehenen Sitzschlitten bei der WM die bis zu zwölf Prozent steilen Anstiege nur mit Armkraft hochgekämpft und dann bei rasenden Abfahrten das Gleichgewicht gehalten. Dabei war ihr Start gefährdet, weil sie wegen einer Ohrenentzündung und eines Flugverbots keinen Weltcup bestreiten konnte. Doch sie biss sich durch – weil sie sich auch dank eigener Investitionen gut vorbereitet hatte. „170 Euro Sporthilfe und die zusätzlichen 400 Euro vom Topteam reichen nicht aus“, sagt sie, „ich brauche jedes Jahr einen niedrigen fünfstelligen Betrag für den Sport, etwa die Hälfte trage ich selbst. Ich habe ja keinen Sponsor.“

Anstatt sich zu beklagen, lobt Eskau die guten Bedingungen, die sie als Angestellte im Bundesinstitut für Sportwissenschaft hat. „Alle Trainingslager und Wettkämpfe werden über Sonderurlaub abgewickelt. Dieses Erfolgsmodell ist mal von Minister Schäuble ausgegangen, der die Behindertensportler ähnlich wie die Leistungssportler ohne Handicap fördern wollte. Es gibt mittlerweile einen Stellenpool für zehn Sportler, der vom BMI bezahlt wird.“ Von den besseren Bedingungen profitierten auch die sehbehinderte Vivian Hösch und der Sitzschlittenfahrer Martin Fleig, die es erstmals auf das WM-Podest schafften.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben