Andreas Maier : Das Spiel meines Lebens

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16.05.1992; Hansa Rostock – Eintracht Frankfurt 2:1

Die Eintracht ist wie ein Gift, das man uns irgendwann injiziert hat, und von diesem Gift kommen wir einfach nicht mehr los. Ich habe in meinem Fall traumwandlerisch unbewusst dazu beigetragen. Damals, als ich sinnloserweise dieses Radio eingeschaltet habe. Denn eigentlich hatte ich mir vor der WM 82 geschworen: Fußball ist nicht weiter mein Leben, damit beschäftige ich mich nicht mehr. Ich war 14 Jahre alt, und für mich gab es fortan nur mein Instrument, Bücher und Mädels. Ich ging auch nicht mehr ins Stadion. Es endete dann aber so, dass ich zehn Jahre später, am 16. Mai 1992 um Viertel vor fünf, das Radio einschaltete: Bundesligaschlusskonferenz. Zu diesem Zeitpunkt fehlte Eintracht Frankfurt ein einziges Tor zur zweiten deutschen Meisterschaft. Ab fünf Uhr kniete ich dann vor diesem gottverdammten Gerät. „Foul an Weber! Das muss doch Elfmeter geben!“, schrie der Kommentator. „Aber was macht der Schiedsrichter? Er lässt weiterspielen!“ Am Ende verloren wir das Spiel in Rostock, der VfB Stuttgart wurde Meister. Die wirklichen Ausmaße habe ich überhaupt nicht erahnen können, aber heute weiß ich: An diesem Nachmittag verfolgte ich auf fast unfreiwillige Weise das bis heute entscheidende Spiel der Eintracht überhaupt. Denn an jenem Tag erlitten wir das Trauma, unter dem die ganze Region bis heute krankt. Wir haben heute zwar ein schickes Stadion und viele Besucher, aber sportlich haben wir die Axt im Rücken, sind eine Fahrstuhlmannschaft geworden. Vor vier Jahren habe ich dann zum ersten Mal die damalige Fernsehübertragung von dem Spiel aus Rostock gesehen. Und das hätte ich nicht tun dürfen. Im Vorbericht sah ich Frankfurter Fans aus einer Welt, die noch in Ordnung war, in der es noch nicht passiert war. Das zu sehen hat mich völlig schockiert und mir eine unglaublich schlechte Laune bereitet. Hätte ich das Radio doch niemals eingeschaltet! Mir wäre es manchmal lieber, ich wäre von dem Gift verschont geblieben.

Aufgezeichnet von Benjamin Apitius.

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