Sport : Angefeuert von den Klitschko-Brüdern

Oliver Trust

An der Wand der Verbandszentrale der Federatsija Futbola Ukrainy in Kiew hängt sein Bild. Dynamisch der Torschuss, entschlossen der Blick. Doch seit seinem Nasenbeinbruch gleicht Andrej Schewtschenko eher dem armen unentschlossenen Dichter Cyrano - allerdings mit dicker statt mit langer Nase. Schewtschenko trägt einen Gipsverband und formuliert fast wie der Poet: "Nett, dass Sie mich fragen, Sie sind der einzige, der wissen will, wie es meiner Nase geht." Der Mann hat seinen Humor nicht verloren. Er hat Schmerzen, das Sprechen fällt schwer. Ausgerechnet jetzt sollen die Deutschen besiegt werden. Die Hoffnung der ganzen Nation lastet auf Schewtschenkos Schultern. Und auf seiner Nase. "Es gibt eine Maske für mich", sagt der Stürmerstar. "Die werde ich tragen, wenn es sein muss, aber ich denke, es geht ohne." Seine Stimme hört sich an, als spreche er aus einer Gießkanne. Fast machen wir uns Sorgen. Dabei ist Schewtschenko der Mann, der die Deutschen das Fürchten lehrt. Der 25-Jährige stürmt für den AC Mailand. Und er stürmt für die Ukraine, deutscher Gegner in den Ausscheidungsspielen zur WM-Qualifikation am 10. und 14. November.

Am Freitag nach dem Training stieg Schewtschenko ins Flugzeug nach Kiew, freigestellt von Milan. Die Nase und die Ukraine sind wichtiger als die Serie A und Turin Calcio, der nächste Gegner. Der Mann, den alle nur Viktor Iwanowitsch nennen, wird sich um Schewtschenko kümmern. Der 70-Jährige ist der Arzt von Dynamo Kiew, der Nationalelf und von Waleri Lobanowski. Wer den herzkranken Nationaltrainer behandeln darf, hat den schwierigsten Job in der Ukraine. Was ist da schon der Nasenbeinbruch, den Schewtschenko am vergangenen Wochenende in der italienischen Liga davontrug? "Es wird gut gehen. Ich habe in Mailand schon wieder trainiert", sagt Schewtschenko. "Die Heilung verläuft gut. Ich habe keine Angst, und wir haben gute Ärzte."

Ansonsten ist er ohnehin fit. Wilhelm Göhring, der Schewtschenko für Boris Becker International betreut, die Marketing-Agentur des Ex-Tennisstars, erzählt gerne, wie "viele Muskeln der Schewa hat". Da hat sogar der Schauspieler Jean-Claude van Damme gestaunt. Im Fitnessraum des Mailänder Hotels "Savoy", so wird berichtet, machte der stählerne Karatedarsteller große Augen, weil der Ukrainer die Gewichte in die Luft hob wie Streichhölzer. Die Geschichte trägt zur Heldenverehrung bei. Aber vor allem seine Tore. Neun in der WM-Qualifikation. Platz eins. Die Heimat liebt ihn dafür. Er trägt die Last mit Zweifeln. "Es ist mein Wunsch, dass wir über elf Spieler sprechen. Wie soll ich alleine einen Sieg garantieren? Alle reden nur von mir. Aber ich brauche Unterstützung." Auf die Unterstützung der Fans kann er sich verlassen. In den großen Städten stellen sie riesige Leinwände auf für die Übertragung aus dem Olimpiyskiy Stadion. Dort werden "sicher die Klitschko-Brüder sitzen", sagt Schewtschenko. "Sie sind immer da, wenn wir wichtige Spiele haben."

Zwei Tage Pause haben sie Schewtschenko in Kiew verordnet. Er trifft Freunde und Verwandte. Zwischen den Untersuchungen bei Viktor Iwanowitsch. Gewöhnlich erholt sich Schewtschenko in Monaco, seinem Zweitwohnsitz. Mit den Kumpels, den Tennisstars Medwedew, Safin und Kafelnikow. Ungestört. In Mailand kann er kaum auf die Straße. Auch dort lieben sie den Mann mit dem Jahressalär von sieben Millionen Mark netto. Es heißt, er fühle sich unterbezahlt, andere verdienten das Doppelte. Man verhandelt.

In Monaco entflieht Schewtschenko dem "Chaos daheim", wie er es nennt. Vater Nikolai, einst als Offizier der Roten Armee in Potsdam stationiert, geht es nach einer Herzoperation besser. Schwester Swetlana hat ihr Kind bekommen. Die Familie wohnt jetzt allein auf 180 Quadratmetern. Schewtschenko mit Freundin und Fotomodell Kristen Pazik nebenan. "Wenn wir gewinnen, feiert das Land. Dann ist für ein paar Tage alles vergessen, die Armut, alles", sagt er.

Schewtschenko vergisst keinen daheim. Zu den Spielen nach Mailand reisen schon mal 35 Freunde und Bekannte an. Die Dollars für Flug, Hotel und die Karten kommen von ihm. Schewa sei ein netter Kerl geblieben, sagen sie in Kiew. "Das ganze Land will zur WM, nicht nur die Mannschaft. Wir sind zweimal gescheitert, jetzt wird es Zeit", sagt er. Die Stimme schwankt. Die Nase. Müssen die Deutschen noch Angst haben vor ihm, in dem Zustand? Er lacht. "Mehr denn je. Wir haben kleine Problemchen im deutschen Spiel gesehen." Die Abwehr habe welche, das Mittelfeld auch. Aber Deutschland sei "immer noch eine große Mannschaft. Und in solchen Spielen sind kleine Problemchen mit der richtigen Einstellung schnell vom Tisch".

Schewtschenko will Weltmeister werden. "Ich weiß, dass wir das kaum schaffen können. Aber ich lebe danach. Und dafür, mit Milan die Champions League zu gewinnen, Fußballer Europas und der Welt zu werden." Schewtschenko grinst. Und gluckst. Die Nase. Wir verstehen. "Ich habe noch eine ganze Menge vor." Das klingt nicht mehr nach armem Poeten. Das klingt gefährlich.

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