Sport : Angekommen in der Gegenwart

Centre Court mit Dach, langsamere Plätze: Wimbledon opfert seine Tradition dem Fortschritt. Das gefällt nicht allen.

Petra Philippsen[London]
Plattgewalzt. Das Spiel auf Rasen gleicht inzwischen dem auf Hartplätzen, weil das Gras nicht mehr so weich ist wie früher und die Bälle deshalb anders abspringen. Foto: AFP
Plattgewalzt. Das Spiel auf Rasen gleicht inzwischen dem auf Hartplätzen, weil das Gras nicht mehr so weich ist wie früher und die...Foto: AFP

Als 1877 die ersten „Lawn Tennis Championships“ in Wimbledon ausgetragen wurden, da hatte alles noch das Flair einer netten Gartenparty. Nur ein paar hundert Interessierte schauten dem Geschehen auf dem Rasen zu, aber schon damals umgab die private Clubanlage ein geradezu erhabener Charme. Mittlerweile ist die Gartenparty zum renommiertesten Tennisturnier überhaupt geworden, bei der 126. Auflage werden bis zu 500 000 Zuschauer an die Church Road pilgern, Millionen Fernsehzuschauer weltweit verfolgen die Spiele. Was wohl die besondere Faszination von Wimbledon ausmacht, ist die beharrliche Wahrung der Tradition im Club, ungeachtet des modernen Wandels ringsum. Man hat es für sich zum Markenzeichen erhoben, und so sind nach wie vor Werbetafeln vom Gelände ebenso verbannt wie bunte Spielerkleidung. Und am berühmtem „Middle Sunday“, dem ersten Sonntag der Turnierwoche, wird nur im äußersten Ausnahmefall gespielt.

Lange konnte man sich im All England Club der Illusion hingeben, in diesem 17 Hektar großen Kosmos würde die längst vergessene Zeit für immer konserviert werden. Und die Traditionalisten unter den Briten hofften das wohl auch. Doch längst ist klar, dass in Wimbledon eine neue Zeitrechnung begonnen hat. Nicht nur, weil neuerdings die Freiluftveranstaltung zu einem Hallenevent geworden ist. Allein dass 2009 der Centre Court die flexible Überdachung aus einer 70 Tonnen schweren Stahlkonstruktion bekam, glich einer Revolution, die dem Druck der Fernsehanstalten geschuldet war. Und seither hat das Dach auch seinen Zweck erfüllt und bei launischem Londoner Wetter Spiele für die tägliche Liveübertragung garantiert. Inzwischen wird das Dach aber selbst dann geschlossen, wenn über der Anlage die Sonne scheint. „Ich dachte, das wäre ein Freiluftturnier“, meckerte der Weltranglistenerste und Titelverteidiger Novak Djokovic am Freitag, nachdem er seine Drittrundenpartie unter Hallenbedingungen absolvieren musste.

Gleiches passierte später Roger Federer, der lange brauchte, sich an die Gegebenheiten zu gewöhnen und einen 0:2-Satzrückstand aufholen musste. „Der Platz ist dann langsamer“, meinte der Schweizer, „und uns fehlt so die Erfahrung. Wo spielen wir sonst auf Rasen in der Halle?“ Oberschiedsrichter Andrew Jarett hatte sich aufgrund der unsicheren Wetterprognosen für das geschlossene Dach entschieden, wohl auch, um eine ähnliche Kontroverse zu vermeiden, die das Zweitrundenaus von Rafael Nadal am Abend zuvor auslöste. Denn obwohl auf den Außencourts noch 20 Minuten lang weitergespielt wurde, bevor die Dämmerung einsetzte, schloss man bei Nadal auf dem Centre Court bereits für die Beleuchtung das Dach.

Die Prozedur dauerte insgesamt 45 Minuten, bevor es mit dem fünften Satz weiterging. Eine Pause, die Nadal aus dem Konzept brachte. „Ich wusste nicht, dass das so lange dauert“, monierte Nadal, „normalerweise dauert das fünf bis zehn Minuten.“

88 Sekunden sogar nur im westfälischen Halle, doch das Problem in Wimbledon wird durch das Klimasystem verursacht, das nach der Dachschließung eine halbe Stunde zum Anlaufen benötigt. Diese Pause sollte für die TV-Zuschauer am Freitag vermieden werden, doch die Reaktion der Spieler ist gespalten. Schon allein, weil auf den Außenplätzen ohne Überdachung gespielt und manche Partie erst am Folgetag fortgesetzt wird – ein Nachteil für den Sieger. Die Bedingungen indes sind ohnehin schon lange nicht mehr so, wie man sie zu Zeiten von Steffi Graf kannte. „Der Rasen wird so stark gewalzt, dass er fast so hart ist wie Beton“, erklärte ihr ehemaliger Trainer Heinz Günthardt. Früher war das Gras weich, die Bälle sprangen extrem flach ab und begünstigten das Angriffsspiel. Doch Serve-and-Volley sieht man heute nicht mehr, seit drei Sorten Weidelgras gemischt werden, die den Rasen resistenter, aber eben auch härter machen. Und so spielt man in Wimbledon nun auch Hartplatztennis von der Grundlinie. Die Tradition wurde einfach plattgewalzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben