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Angelique Kerber in Wimbledon : Dank Steffi Graf zur besten Form ihres Lebens

Neuer Mut mit neuem alten Trainer: Angelique Kerber feiert in Wimbledon im deutschen Duell mit Carina Witthöft einen Traumstart.

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Angelique Kerber war ziemlich gut drauf am Dienstag.
Angelique Kerber war ziemlich gut drauf am Dienstag.Foto: Reuters

Als Angelique Kerber im Januar nach der ersten Runde bei den Australian Open in einem der kleinen Pressekonferenzräume vom Melbourne Park hockte und ratlos nach Erklärungen suchte, konnte sie ihre Tränen kaum zurückhalten. Der Saisonauftakt war gründlich schiefgegangen, das frühe Aus ein Schock für Kerber. Kaum sechs Monate später nun saß die 27 Jahre alte Kielerin in den Katakomben des All England Clubs von Wimbledon – und sie strahlte. Nichts erinnerte mehr an jene verzweifelte Spielerin, die plötzlich so verloren wirkte.

Mit dem 6:0, 6:0-Sieg über Carina Witthöft hätte Kerber kaum perfekter ins wichtigste Turnier des Jahres starten können. Sie hatte den Mut zu Veränderungen gehabt und es so aus dem Tief herausgeschafft, das sie zwei Monate lang beherrscht hatte. In Wimbledon tritt die beste deutsche Spielerin nun mit viel Rückenwind an nach dem Turniersieg im Birmingham und in der vielleicht besten Form ihrer Karriere. „Ich bin einfach glücklich mit den Entscheidungen, die ich getroffen habe“, sagte Kerber, „es passt bei mir rundherum momentan alles.“

Witthöft hätte sich wohl gewünscht, sie wäre an diesem Tag auf die andere Angelique Kerber getroffen. Dann hätte die 20 Jahre alte Hamburgerin zumindest die Chance auf eine annähernd ausgeglichene Partie gehabt. So aber erinnerte auf dem Court No. 18 nur die sommerliche Hitzewelle über London an Australien, Kerber diktierte von Beginn an das Geschehen. Sie überließ ihrer unerfahrenen Gegnerin das erste Aufschlagrecht und Witthöft gab dann auch nervös mit zwei Doppelfehlern das erste Spiel ab. Es würden fünf weitere folgen.

Angelique Kerbber nach dem Spiel gegen Carina Witthöft: "Ich habe ziemlich gut gespielt"

„Die meisten Spiele waren eng“, sagte Kerber, „aber ich muss schon sagen: Ich habe ziemlich gut gespielt.“ 21 Gewinnschläge bei nur fünf leichten Fehlern belegen den Eindruck, Kerber schickte Witthöft bei Temperaturen von 30 Grad links und rechts über den Platz. Sie variierte clever, blieb vor allem stabil beim eigenen Aufschlag. Das ist längst keine Selbstverständlichkeit bei der Kielerin. In der nächsten Runde bekommt sie es nun mit der Russin Anastasia Pawljutschenkowa zu tun.

Der Aufschlag war dabei längst nicht die einzige Schraube, die die Weltranglistenzehnte neu justierte. Denn nach dem Rückschlag in Melbourne folgten weitere Wochen der Misserfolge. „In dieser Zeit war ich ein bisschen verloren“, erinnert sie sich. Kerber zog sich ein paar Tage zurück, analysierte ihre Lage. „Natürlich ist es nie leicht, etwas zu ändern“, erklärte sie, „aber manchmal muss man eben etwas riskieren. Und ich habe gespürt, dass ich etwas ändern muss.“

Kerber kehrte zu Trainer Torben Beltz zurück

Kerber trennte sich von ihrem Trainer Benjamin Ebrahimzadeh und kehrte zu Torben Beltz zurück, der sie schon von Jugend an betreut hatte. Sie suchte den vertrauten Rückhalt. „Das war eine der besten Entscheidungen, zu Torben zurückzugehen“, betonte sie. Doch über Nacht kehrte der Erfolg nicht zurück. Nur zwei Siege hatte Kerber seit Melbourne auf dem Konto, dafür vier Niederlagen in vier Turnieren. Sie schickte eine E-Mail an Steffi Graf, die 22-malige Grand-Slam-Siegerin hatte ihr Hilfe angeboten, wenn Kerber sie brauchen würde. In Los Angeles traf man sich vor den Masters-Turnieren in Indian Wells und Miami, im Trainingscamp des gemeinsamen Ausrüsters. Sie redeten viel miteinander und absolvierten gemeinsam harte Einheiten. Gil Reyes, der schon Grafs Ehemann Andre Agassi Beine gemacht hatte, übernahm dabei das Fitnessprogramm. „Bei Angie ging es letztlich ums Selbstvertrauen“, glaubt Beltz und er war sicher, dass der Exkurs in L.A. sich bald auszahlen würde.

Beim Turnier in Charleston, Anfang April, platzte schließlich der Knoten. Kerber drehte in der ersten Runde gegen Evgeniya Rodina einen 1:4-Rückstand und gewann schließlich das Turnier. „Dieser Sieg kam für mich wirklich im richtigen Moment.“ Auch in Stuttgart triumphierte sie und bezwang auf dem Weg zum Titel sogar Maria Scharapowa. Schon vor einem Jahr in Wimbledon hatte Kerber die Weltranglistenzweite geschlagen. Es war eine ihrer stärksten Partien der Saison, doch jetzt scheint die Kielerin in noch besserer Form zu sein. Im Halbfinale stand sie vor drei Jahren an der Church Road bereits, ein erneuter Lauf ist Kerber in jedem Fall zuzutrauen. Sie stünde endlich wieder mit „Herz und Leidenschaft“ auf dem Platz, sagte sie. „Das Wichtigste ist aber, dass ich auch in dieser schweren Phase nie den Glauben an mich verloren habe.“

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