Angelique Kerber nach Gewinn der Australian Open : Plötzlich eine Marke

Der Erfolg von Angelique Kerber könnte sie und das deutsche Tennis sportlich wie medial in eine neue Dimension führen.

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Wie in den Achtzigern.
Wie in den Achtzigern.Foto: dpa

Der Rummel hatte sofort begonnen, und es gab kein zurück mehr. In jenem Moment, als Angelique Kerber im Finale der Australian Open der grandiose Coup gegen Serena Williams gelungen war, rollte auch schon die geballte Medien- und Vermarktungsmaschinerie an. Interviews, Live-Schalten, Pressekonferenzen – noch nachts um halb drei saß die 28 Jahre alte Kielerin am Samstag in den Katakomben der Rod-Laver-Arena und absolvierte geduldig ein Telefon-Interview nach dem anderen. Ihr Management hatte die Termine tags zuvor angeleiert und Kerber offensiv für Exklusivgespräche heimischen Medien angeboten, die nicht aus Melbourne berichteten. Man wollte die breitestmögliche Vermarktung erzielen, den Hype befeuern.

„Ich freue mich auf alles, was jetzt kommt“, hatte Kerber betont und war dabei schon mittendrin im plötzlichen Rummel um ihre Person, „ich habe so hart gearbeitet und ich glaube, ich habe das jetzt wirklich verdient.“ Das sind ganz neue Töne von Angelique Kerber. Sie hatte sich nie ins Rampenlicht gedrängt und es lag ihr schon gar nicht, sich so aktiv in Szene zu setzen, wie es ihre Kolleginnen Andrea Petkovic oder Sabine Lisicki tun. So ist Kerber bereits vor ihrem Grand-Slam-Sieg seit vier Jahren die erfolgreichste deutsche Spielerin gewesen, doch die breite Öffentlichkeit kennt sie eigentlich gar nicht. Das soll sich nun ändern und Kerber scheint bereit für ihren Rollenwechsel als selbstbewusste Frontfrau des neuen Tennis-Booms.

„Ich habe noch nie so viele Interviews an einem Tag gegeben“, sagte sie lachend, „aber es macht mir richtig viel Spaß.“ Kerber wirkt gelöst, spricht in Deutsch, Englisch und Polnisch offen und charmant über ihr Gefühlschaos, Steffi Graf und das Auf und Ab ihrer Karriere. Früher war sie in Gesprächen stets freundlich, aber zurückhaltend und immer bedacht darauf, nichts Falsches zu sagen. Ihrem Management war es nicht gelungen, der sympathischen deutschen Nummer eins ein Image zu geben, sie zu einer Marke aufzubauen. So bekam Kerber das Etikett „nett, aber langweilig“ angeheftet. Für Sponsoren war sie damit völlig uninteressant.

Einzig als Markenbotschafterin eines Sportwagenherstellers fungiert sie. Der Deal soll sehr gut dotiert sein und ist vermutlich durch die Verbindungen von Bundestrainerin Barbara Rittner entstanden, die damals das Sponsoring für die deutsche Fed-Cup-Mannschaft initiierte. Nun, als erster Grand-Slam-Champion seit Steffi Graf 1999, dürfte Kerber jedoch viele Werbepartner anlocken. So war das schon vor drei Jahren, als sich Lisicki sensationell ins Finale von Wimbledon spielte. Und obwohl die Berlinerin die Partie verlor, hatte es einen Empfang am Berliner Flughafen samt großem Presserummel gegeben und sie zog trotzdem Verträge für Schmuck, Versicherungen und Autos an Land. Damals glaubte man bereits an einen neuen Tennis-Boom, den Lisicki ausgelöst hätte. Doch der war schnell wieder abgeflaut, da ihre sportlichen Erfolge ausblieben.

"Steffi Graf hat mich bestärkt"

Bei Kerber steht das nicht zu befürchten, denn anders als Lisicki spielt sie nicht nur auf Rasen stark. Die Kielerin ist eine Allrounderin, gewann im letzten Jahr als erste Spielerin seit 2007 vier Titel auf den vier unterschiedlichen Belägen (Gras, Hartplatz, rote und grüne Asche) und ist die neue Weltranglistenzweite hinter Serena Williams. „Das ist ja ganz schön nah an der eins dran“, bemerkte auch Williams selbst ganz richtig, „da sollte ich jetzt wohl besser vorsichtig sein.“ Kerber könnte gelingen, woran Agnieszka Radwanska, Simona Halep und nicht zuletzt Maria Scharapowa reihenweise gescheitert sind – Serena Williams wirklich und dauerhaft Paroli zu bieten. Damit würde Kerber nicht nur neue Spannung in die eingefahrene Tour-Hierarchie bringen, sondern auch einen Motivationsschub ins Frauentennis hierzulande. Zehn deutsche Frauen stehen unter den Top 100, und Kerbers Erfolg würde sie antreiben, ihr nachzueifern. Gerade für das diese Woche anstehende Fed-Cup-Duell in Leipzig gegen die Schweiz ist Kerber als Frontfrau Gold wert. Denn seit dem verlorenen Endspiel gegen die Tschechinnen vor zwei Jahren stagnierte die Leistung der Mannschaft.

Die Anerkennung ihrer bisherigen Leistungen vermisste Kerber in den letzten Jahren und so schätzte sie sich selbst auch nicht genug. Erst die Gespräche mit Graf im vergangenen Frühjahr rückten das zurecht. „Sie hat mich bestärkt, dass ich schon jetzt auf alles stolz sein soll, was ich bisher erreicht habe“, sagte Kerber. Nun ist ihr der Schritt aus Grafs übermächtigen Schatten heraus gelungen, sie hat das deutsche Tennis in die Gegenwart geholt. Nichts, was bei sie bei ihrer Rückkehr nach Deutschland an Trubel erwartet, ängstigt sie. Im Gegenteil, „ich will alles genießen und jede Erfahrung mitnehmen. Mein Traum hat sich erfüllt, weil ich geduldig war und hart gearbeitet habe. Das möchte ich den nächsten Generationen gerne weitergeben.“

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