Sport : Angespannt im Wagen

Die Kutschfahrer begeistern das Publikum beim Weltcup der Reiter in Leipzig

Jeannette Krauth[Leipzig]

Noch steht die Kutsche, aber Mary stampft schon abwechselnd mit den Hinterbeinen. Sie hebt drohend den Huf. „Sie will los“, sagt Michael Freund. Die Ketten am Zaumzeug der Pferde klirren. Freund lässt die Pferde antraben, klopft im Vorbeifahren einem Bekannten mit der Peitsche auf den Kopf, dann fährt er auf eine Helferin zu, die gerade in der Bahn Pilonen zurechtrückt, stoppt sein Gespann in letzter Sekunde und lacht herzhaft. Die Helferin schüttelt den Kopf und grinst, sie scheint den Humor des rotbäckigen Mannes schon zu kennen. Fragt man den Konkurrenten Christoph Sandmann nach Michael Freunds Stärken, dann sagt der: „Die sieht man doch. Uns allen liegen vor Anspannung die Nerven blank und der macht Witze.“

Beim Weltcup in Leipzig hatten die Konkurrenten von Michael Freund nicht viel zu lachen. Am Sonntag fuhr ihnen der Favorit aus Dreileich wieder einmal mit seinem Vierspänner davon und gewann den Wettkampf der Pferdekutscher.

Den Weltcup der Fahrer, bei dem die Gespanne acht Hindernisse wie Brücken, enge Tore oder Spiralen aus Holzaufstellern durchfahren müssen, gibt es erst seit fünf Jahren. Es wird auf Zeit gefahren, und wer ein Hindernis berührt, so dass dabei Ball oder Zylinder herunterfallen, die zur Kontrolle oben drauf platziert wurden, erhält fünf Strafsekunden. Der Wettbewerb wird auch bei den Weltreiterspielen in Aachen 2006 ausgetragen.

Sie galoppieren an. Doch was von der Zuschauertribüne vielleicht majestätisch aussieht, ist Reitsport zum Schwindligwerden. Freund lässt seine vier Pferde linksherum im Kreis galoppieren, und zwar so sehr links, dass der Helfer auf dem Trittbrett hinter dem Kutscherbock sich im Winkel von 45 Grad in die Kurve legt, um das Gefährt zu stabilisieren. Links neben dem Kutschbock ist keine Tür, ein freier Fall auf den Sandboden ist jederzeit möglich.

Wenn etwa beim Training dem Gefährt eine andere Kutsche entgegenkommt, misst die Lücke zwischen ihnen nur wenige Zentimeter. Freund allerdings findet noch Zeit, dabei zu reden und zu scherzen und anderen zuzurufen: „Hey, hey!“. Er fasst blitzschnell die Leinen um, ruft in der nächsten Sekunde „Hoooo!“ den Pferden von Kollege Sandmann zu, der gerade anfahren will. Dessen Gespann bewegt sich darauf keinen Zentimeter, die Pferde haben ja gelernt, auf stimmliche Kommandos zu hören.

Manchmal kann Michael Freund auch ernst sein. Die Faszination am Fahren, das sei für ihn die Schwierigkeit, „vier unterschiedliche PS ohne Körperkontakt zu einer Einheit zu formen, nur mit Leine, Stimme und Peitsche“, erzählt Freund. Mit der Peitschenschnur berührt er seine Pferde seitlich dort, wo ein Reiter Kommandos mit dem Schenkel gibt.

Um halb eins in der Nacht begann manche Prüfung am Wochenende in Leipzig, die Ränge waren da noch gut besetzt, aber die Stimmung der Zuschauer war eher konzentriert als temperamentvoll. Doch sobald der erste Fahrer hereinkam, da applaudierte das fachkundige Publikum, die Menschen erhoben sich, pfiffen, jaulten, wenn ein Ball fiel.

Zwei Minuten hat jedes Gespann Zeit, es ist ein schneller Wettbewerb. Umjubelte Wettkämpfe sind für Michael Freund die schönsten Momente beim Kutschenfahren und „wenn die Menschen mitgehen, wenn ich die Mütze schwinge, mit Gesten um Applaus bitte“, erzählt Michael Freund. Die Pferdesportfans wissen seine Art zu schätzen. Jedes Jahr aufs Neue wählen sie ihn auf dem CHIO in Aachen zum Publikumsliebling.

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