Sport : Angespannte Gleichgültigkeit

Vincenzo Delle Donne

Im Verdrängen sind die Strippenzieher in der Formel 1 allesamt Weltmeister. Von der Kirch-Pleite will hier keiner reden - auch nicht hinter vorgehaltener Hand. "Kein Kommentar!", lautet der Standard-Kommentar zur Insolvenz von Kirch Media. Und doch ist es das vorherrschende Thema vor dem Großen Preis von San Marino am Sonntag in Imola. Es herrscht angespannte Gleichgültigkeit. Gleichzeitig warten alle gespannt auf Neuigkeiten aus München.

Zum Thema Fototour: Formel-1-Zirkus in Bildern
Immerhin gebietet Kirch Media über 60 Prozent der Formel-1-Vermarktungsgesellschaft "Slec". Deren starker Mann Bernie Ecclestone hatte diesen Deal einst eingefädelt und 1,6 Milliarden Dollar dafür kassiert. Schon unmittelbar danach hatte man in der Formel 1 prophezeit, Kirch habe von Ecclestone für teures Geld eine leere Schachtel erstanden hatte. Denn die Teams weigerten sich einmütig, die neuen Herren anzuerkennen. Ecclestone gibt sich dieser Tage zugeknöpft. Er verfügt noch über 16 Prozent an "Slec" und ist angeblich an einem Rückkauf von Kirchs Anteilen interessiert. Für die Hälfte des damals gezahlten Preises.

Leo Kirch weiß, dass seine Tage in der Formel 1 gezählt sind. Die Teams wollen ihr Spektakel künftig in eigener Regie betreiben. Zu diesem Zweck haben sie in Genf ein Unternehmen gegründet, das unter dem Fiat-Geschäftsführer Paolo Cantarella an der Zukunft arbeitet. Im Direktorium sitzen außerdem Mercedes-Benz-Chef Jürgen Hubbert, Luca di Montezemolo (Ferrari-Fiat), Wolfgang Reitzle (Ford-Jaguar), Burkhard Goetschel (BMW) sowie Patrick Faure (Renault). Auch Honda und Toyota unterstützen das Unternehmen. "Das ist weder eine Spaltung noch eine alternative Weltmeisterschaft", sagt Ferrari-Präsident di Montezemolo. "Alle Konstrukteure haben die Absicht, diese WM selbst zu organisieren - mit allen Vorteilen auch ökonomischer Natur, von denen derzeit andere profitieren." Eine Möglichkeit überdies, die enormen Investitionen wieder hereinzuholen, die ein Engagement in der Formel 1 voraussetzt.

Die Gewinne streichen derzeit vor allem die "Slec"-Gesellschafter in die Tasche. Von den Erlösen geben sie vertragsgemäß 40 Prozent an die Teams weiter. Viel zu wenig, meinen die Teambesitzer. Verhandlungen um Nachbesserungen verliefen ergebnislos, die Kirch-Gruppe zeigte kaum Gesprächsbereitschaft. Doch durch den Insolvenzantrag hat sich die Lage verändert. Auch wenn Kirch seine Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie an der Formel 1 gewissermaßen vor dem Insolvenzantrag in eine Schweizer Beteiligungsgesellschaft ausgelagert und damit vor dem Zugriff des Insolvenzverwalters geschützt hat.

Bis einschließlich 2007 hat der Schweizer Kirch-Ableger noch die Rechte an der Formel 1. Ein vorzeitiger Ausstieg aus dem laufenden Vertrag wäre nur durch die Zahlung einer hohen Konventionalstrafe möglich. Deshalb wird die von den Teambesitzern neu gegründete Holding erst ab der Saison 2008 vollends in Aktion treten. Am Wochenende wollen die Teambesitzer über eine neue Strategie beraten. Eine Einigung erscheint möglicher denn je.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben