Sport : Angreifen gegen die Angst

Herr Below[der deutschen Fußball-Nationalma]

Sieghard Below (45) ist Fußball-Dozent und Nachwuchstrainer am Institut für Sportwissenschaften der Humboldt-Uni Berlin.

Herr Below, der deutschen Fußball-Nationalmannschaft reicht im entscheidenden Spiel gegen die Ukraine ein 0:0, um sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Eine ideale Ausgangsposition, oder?

Ganz und gar nicht. Diese Ausgangsposition ist ein großes Hemmnis für die Mannschaft. Die Spieler könnten denken, dass sie nichts mehr fürs Weiterkommen tun müssen. Gerade bei so einem wichtigen Spiel entscheidet der Wille zum Sieg. Wer das erste Tor schießt, wird gewinnen. Wenn das die Ukrainer sein sollten, wird nicht nur das taktische Konzept der Deutschen zusammenbrechen. Die Spieler werden auch enorme Probleme mit ihrer Psyche bekommen.

Aber warum sollten gestandene Bundesliga-Profis plötzlich nach einem Gegentor das große Nervenflattern bekommen?

Die Deutschen haben ihren psychologischen Vorsprung gegenüber anderen Fußball-Nationen schon lange eingebüßt. In den achtziger und neunziger Jahren zehrten die Nationalspieler noch vom Nimbus der Unschlagbarkeit. Doch inzwischen gibt es das in Deutschland nur noch beim FC Bayern München. Wenn die am Boden liegen, stehen sie immer wieder auf. In der Nationalmannschaft sind sie inzwischen alle nervös.

Warum?

Weil die Deutschen merken, dass sie im internationalen Vergleich zurückfallen. Im Gegensatz zu früheren Jahren hat das deutsche Mittelfeld inzwischen konditionelle Defizite. Im technisch-taktischen Bereich sind andere Nationen viel reifer. Das liegt daran, dass deutsche Spieler kaum noch in den Top-Ligen Europas spielen. In England und Italien werden doch mehr Finnen und Ukrainer auf Schlüsselpositionen wichtiger Vereine eingesetzt als Deutsche. Auf die Psyche hat das konkrete Auswirkungen: der "Ich-Wert" sinkt, die Nervosität wächst.

Und aus diesen Gründen hat Christian Ziege in Kiew fast jeden Ball verstolpert?

In wichtigen Spielen ist die psychische Komponente nicht zu unterschätzen. Es zählen ganz einfache Dinge: Treffe ich den ersten Ball? Gewinne ich meinen ersten Zweikampf? Wenn mir das erste Zuspiel misslingt, dann mache ich plötzlich auch einen zweiten Fehler. Und einen dritten. Und irgendein Fehler führt dann zum Gegentor. Tore fallen immer nach Fehlern.

Der größte Druck lastet also auf der Abwehr?

Natürlich. Die haben ganz andere Probleme als der Angriff. Ein Stürmer kann 20 Mal daneben schießen - wenn er beim 21. Versuch ins Tor trifft, ist er der Held. Wenn ein Abwehrspieler aber einen einzigen Fehler macht, ist er der Depp der Nation. Haben Sie nach dem letzten Spiel Thomas Linke gesehen, wie er vor den Kameras stand und klagte: "Ich bin immer schuld"? Das ist dieses Angst-Symptom. Mit gesundem Selbstvertrauen hat das nichts zu tun.

Vor dem Spiel in Dortmund geben sich die Spieler betont locker. Jens Nowotny meinte sogar, das Trainingslager sei fast wie Urlaub.

Das klingt mir eher nach Pfeifen im Walde. Natürlich ist es wichtig, ein gutes Gesamtklima in der Mannschaft aufzubauen. Dass die Spieler locker sind, kann mir aber keiner erzählen. Eine solche auf ein Spiel zugespitzte Situation haben wenige Profis erlebt - höchstens die Bayern-Spieler, die schon im Finale der Champions League standen.

Wie müssen die Deutschen Ihrer Ansicht nach ins Spiel gehen?

Offensiv und mutig. Die Spieler müssen den Ukrainern von der ersten Minute an klar machen: Dieser Platz gehört uns, den geben wir nicht her. Wer aber mit der Einstellung "Bloß nicht verlieren!" aufläuft, der kriegt in der Nachspielzeit noch ein dummes Tor eingeschenkt. Und dann ist alles aus.

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